Prosa

Amarek, der Legende nach von einer leicht alkoholisierten Gottheit in zweimal sieben Tagen erschaffen, wird mit strenger Hand von einem König regiert, der auf viel zu kurzen Beinchen durch sein Schloss trippelt. Sprichwörtlich kurz auch die Beine der lügenhaften Inhalte, die sein Stadtschreiber produziert. Und auch sonst ist das Personal nicht mehr, was es früher einmal war: Der Sohn des Henkers hängt auf einmal seinen Beruf an den Nagel – das Töten entspreche nicht seiner Natur –, und dann kommt auch noch der Tod selbst drauf, dass er erschöpft ist und Ruhe braucht, und verweigert den Menschen das Sterben. Dazwischen treiben Waldalben und Kobolde Schabernack. Zum Glück haben die zwei ungleichen Schwestern für fast alles eine Lösung in Form eines Tränkchens, vorausgesetzt, sie mischen es richtig zusammen …

Bei den in Amarek versammelten zwölf Texten handelt es sich, wiewohl inspiriert vom deutschsprachigen, slawischen und jüdischen Märchenschatz, um keine Adaptionen, sondern um eine freie Schöpfung des Autors. Anders als im Genre üblich, stattet Gabriel Wolkenfeld seine Figuren mit einer psychologischen Tiefe aus, erspart ihnen Allzumenschliches nicht. Feinste Poesie vereint sich virtuos mit urkomischen Einfällen und einer schier unbändigen Lust am Fabulieren!

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Die Geschichte einer jüdischen Familie über Generationen und Ländergrenzen hinweg. Ein Panoptikum aus Erzählungen, albern, nachdenklich, dem Irrsinn unserer Tage entwachsen.

Weil der 86-jährige Avigdor Seliger nicht mehr spricht, steckt ihn seine Tochter Hannah in ein Altersheim. Die Ärzte sind sich nicht sicher: Verirrt sich der Mann allmählich in die Nebel der Demenz oder verweigert er das Sprechen bewusst? Weil Enkel Yair fürchtet, der Großvater könnte seinen Bezug zur Realität verlieren, erzählt er ihm jene Geschichten, die der Senior während der Schulferien am See Genezareth einst ihm erzählt hat. Allerdings erinnert sich Yair nicht immer genau. Er erfindet hinzu, übertreibt, wandelt ab – in der Hoffnung, den Groß- vater doch noch aus der Reserve zu locken und sich selbst vom eigenen Lebenschaos im Tel Aviv der Gegenwart abzulenken.

Er lässt die schöne Bella Rubinsteyn auferstehen, die sich während der Schwangerschaft nur von exotischem Obst ernährt, weil sie ein besonderes Wesen gebären will; die exaltierte Olympiada, die den Durst der KGBler nach Unbill mit körperlicher Liebe zu stillen sucht; Danuta, die als Anführerin einer Waisenkinder-Bande die Märkte von Taschkent unsicher macht…

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Gabriel Wolkenfelds Roman Wir Propagandisten entstand 2013 als literarische Reaktion auf die Verabschiedung des sogenannten Homo-Propaganda-Gesetzes in Russland. Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, der ein Jahr lang als Sprachlehrer in Jekaterinburg Land und Leute kennenlernt und dabei die Einführung des Gesetzes vor Ort mitbekommt. In klarer, doch assoziativer Sprache zeichnet der Text ein lebendiges Porträt des Alltags jenseits des Kremls, berichtet von Wodka-Gelagen in WG-Küchen, von schwulen Hinterhof-Partys, von zaghaftem Widerstand und geflüsterten Geständnissen, aber auch von der Angst, die sie auslösen. Und immer wieder von den lichten Momenten seligen Trotzes, die stärker sind als das Poltern der Gegner: »Verdammt noch mal, denke ich, das Leben ist schön. Wir haben – auf absehbare Zeit zumindest – nur dieses eine.«

Zehn Jahre nach seiner Entstehung ist Wir Propagandisten aktueller denn je. Nicht nur wurde das Homo-Propaganda-Gesetz seither von Ländern wie Ungarn adaptiert und in Russland 2022 nochmals verschärft, es lädt im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auch zu neuem Nachdenken über die Zusammenhänge von chauvinistisch-autoritären Machtstrukturen und Homophobie ein. In einem aktuellen Nachwort reflektiert Gabriel Wolkenfeld die jüngsten Entwicklungen und setzt sie in Beziehung zu seinem Roman.

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