Gelsenkirchen

I
 
Ein Junge und ein Mädchen laufen barfuß eine Straße entlang. Er, das linke Bein nachziehend, dabei dem Mädchen fast davonlaufend, sie anderthalb Köpfe größer als er, obwohl jünger an Jahren. Er mit einem Haarreif aus Plastik, das sein Haar nur behelfsmäßig bändigt, sie mit einem Zopf, der bei jedem Schritt fröhlich wippt. Ein Geschwisterpaar, denkt Abrahan, der hinter den beiden herläuft, nicht weil er mit ihnen den Weg teilt, sondern weil er sich fragt, wohin der Weg sie führt. Sie trägt ein Oberteil aus Synthetik, zwei Nummern zu klein, das ihr, die fast nur Haut und Knochen ist, ins Fleisch schneidet. Er trägt ein Shirt, zwei Nummern zu groß, das seinen dürren Leib umweht wie ein Laken. Abrahan kann ihrem Gespräch nicht folgen. Nur hin und wieder wehen Worte zu ihm hinüber: Bauchweh, Diebstahl, böser Onkel. Der Name der Hauptstadt fällt. Ein Ort, fast unerreichbar für jemanden, der an diesem gottverlassenen Fleckchen Erde das Licht der Welt erblickt hat.
Mitten im Gespräch setzt sich das Mädchen auf den Weg. Aus dem rechten Fuß zieht sie einen Splitter. Abrahan wendet den Blick ab. Szenen wie diese sind ihm bis ins Detail bekannt, die staubige Straße, eher Dorf als Stadt, statt Blumenrabatten: Chipstüten und Plastikflaschen. Wellblechhäuser, windschief, mit Schlupfwinkeln für Hitze und Staub. Vor einem dieser Häuser bleiben die Kinder stehen. Das Mädchen hämmert gegen die Tür. Daraufhin öffnet, nur in Unterwäsche gekleidet, eine beleibte Frau. Ungerührt hört die sich an, was das Mädchen zu sagen hat. Als die Tür fast ins Schloss fällt, hebt das Mädchen die Stimme. An der Hausherrin vorbei drängen Worte in die Stube. Doch erst als das Mädchen aus der Hosentasche ein Bündel knittriger Scheine fischt, belebt sich das Gesicht der Frau. Sie verschwindet im Haus, um kurz darauf wieder aufzutauchen. Im Tausch für das Papier zählt sie dem Mädchen in die hohle Hand hinein sieben gekochte Kartoffeln.
Der Junge verschlingt fünf Kartoffeln und hält weiter die Hand auf. Er hat ein Loch in seinem Magen. Das Mädchen gibt ihm. Das Mädchen hat gelernt, hungrig zu teilen. Für den Jungen bedeutet Teilen Verlieren. Teilen bedeutet Verschwinden. Vom Glück, etwas zu teilen, weiß er noch nichts.
 
Abrahan kennt den Hunger nur vom Sehen. Er ist hässlich, das ist unbestreitbar. Er bereitet Schmerzen. Er ruft Abscheu hervor. Fass mich nicht an, schreien die Blicke der Vorüberlaufenden. Aus dem Weg! Aus dem Weg! Das Leben ist reserviert für die, die haben. Abrahan wird schlecht, wenn er daran denkt, wie der Hunger die Kinder lenkt und Menschen zuführt, die Schlechtes im Schilde führen.  Abends fragt Abrahan seine Eltern, die eine Bäckerei betreiben. Und am Tag darauf trommelt er aus der Nachbarschaft sämtliche Bäckerkinder zusammen. Seitdem es in Venezuela keinen Weizen mehr zu kaufen gibt, ist das Brot kostbar, aber die Kinder erinnern die Eltern daran, dass es Kinder gibt, überall in der Nachbarschaft, ihnen nicht unähnlich, mit Löchern im Magen, mit denselben Augen, hungrig auf Leben, Beinen, Armen, Haaren. Ein Treffen dauert es, dann haben die Bäckerkinder für ihren Verein einen Namen, einen Monat, dann wird „Toma mi mano“ von siebenundzwanzig Bäckereien aus der Region beliefert.
 
II
 
Die Nachricht trifft ihn wie ein Schlag. Den Namen der Frau kennt er. Die Frau selbst kennt Abrahan nicht. Aber er weiß, wer sie ist: Sie ist die Frau, die ihm, wenn sie gerade mal daran dachte, ein Schälchen Brei hinstellte, bevor sie in die Nacht verschwand. Jene, die ihm nie wirklich Mutter war, doch gänzlich aufhörte Mutter zu sein, als sie den kleinen Bruder an ein kinderloses Paar verkaufte und ihn, der schon zu groß war, den Nachbarn überlies.
            Fünfzehn Jahre sind vergangen. Abrahan fragt sich, was aus dieser Frau geworden ist. Ob das schlechte Gewissen sie zerfressen hat. Ob sie die Kurve gekriegt hat. Clean ist. Ob ihr das Leben, nachdem sie die erste Chance vertan hat, noch einmal eine zweite geschenkt hat. Seine Eltern raten ihm von der Reise ab. Die Frau, die seine Mutter hätte sein sollen, bezirzt ihn: Sie wohnt mit ihrem Mann in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen. Er könne sie jederzeit besuchen kommen. Sie bietet ihm an, das Ticket zu bezahlen. Abrahan hadert mit seiner Entscheidung. Schließlich aber stimmt er zu, beantragt ein Visum für das ferne Land, von dem er weiß, dass es in den Supermärkten so viel Essen gibt, dass die Menschen stundenlang vor den Regalen stehen, weil sie sich nicht entscheiden können. In Deutschland, weiß er, haben die Menschen so viel Freizeit, dass sie vor lauter Langeweile ihren Müll sortieren. Die Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto zur Schule und die Großeltern logieren in prächtigen Villen, zusammen mit ihren hundert besten Seniorenfreunden. Zwei Wochen vor seinem Abflug meldet sich die Frau nicht mehr. Abrahan möchte das Flugticket, das er sich von geborgtem Geld gekauft hat, am liebsten zerreißen. Aber er tut es nicht. Mit wackligen Knien besteigt er das Flugzeug. Wer auf dem Flughafen in Düsseldorf fehlt: Die Frau, die der Bezeichnung Mutter nicht gerecht wurde. Er nimmt sich ein winziges Zimmer und schließt sich erstmal drei Tage ein: Weint.
 
Immer wieder meldet sich einer, den Abrahan, noch in der Heimat, im Internet kennengelernt hat, als er sich schon einmal versuchshalber in Deutschland eingeloggt hatte. Der Fremde lässt nicht locker und lädt Abrahan, als er von seiner misslichen Lage erfährt, zu sich ein. Immer wieder, aber Abrahan zögert. In Venezuela hatte er Mädchen wie Jungen gesehen, die sich für eine warme Mahlzeit verschenkten. Dieser Mann bietet ihm Quartier und Arbeit an. Was mochte er dafür verlangen?
Der Fremde verlangt nichts. Abrahan, ein junger Mann mit einem Namen, den es nicht gibt, zieht vom anderen Ende der Welt in die Stadt, deren Name ihm nichts sagt: Gelsenkirchen. Eine unmögliche Kombination von Vokalen und Konsonanten, eine Herausforderung für die Zunge, Stolperstein, Kratzbaum. Der Fremde hilft ihm, Papier gegen Papier zu tauschen. Abrahan tut, was er nie in Erwägung gezogen hat: Er bleibt. Wechselt bald aus dem Betrieb, in dem er aushilft, in die Altenpflege. Monate vergehen, bis sich die Frau meldet, die er vergessen wollte. Sie sei beschäftigt gewesen, schreibt sie. Und: Es tue ihr leid. Abrahan blockt ab, aber die Frau lässt sich nicht abwimmeln. Schließlich besucht sie den Sohn, nun Sohn einer anderen Frau, in Gelsenkirchen. In einem Café in Buer sitzen sie sich gegenüber: Sie, inbrünstig Liebe schwörend, er in Schweigen versunken, auf der Suche nach einem Ort in seinem Inneren, der taub ist für solcherlei Fantasien. Am Ende ihrer Begegnung weiß er: Er hat keine Mutter gefunden, aber die Gewissheit, dass sich nicht jede Frau als Mutter eignet.
Sinem, Lehrerin, Horst
 
Einen Menschen formen, nicht indem man seinen Kopf zwischen die Hände nimmt und an ihm herumdrückt, ihn an den Haaren zieht, die Gelenke verbiegt, sondern indem man ihm einen Freiraum zur Verfügung stellt, in welchem er sich bewegen kann, Schritte ausprobiert, die eigene Stimme. Die Seele mit guten Zutaten füttern, mit Lob und Fragen, die Wege verlangen, keine Antworten.
Kommt, schlug Herr P. vor. Und die Kinder, noch ohne Sprache, folgten ihm auf den Markt, sahen, dass es Auberginen und Honigmelonen auch hier gab. Sie probierten die Worte in ihrem Mund aus, aber sie schmeckten anders. Das Obst und Gemüse war nicht das, was sie aus ihrer Heimat kannten. Die Melonen waren weniger süß, die Paprika blässlich, die Gurken merkwürdig gerade, wie mit dem Lineal gezogen. Sie schmeckten mehr nach Wasser als nach Gurke.
 
Wie das Büro eines Schulleiters sah sein Zimmer nicht aus. An den Wänden klebten Poster von Fußballern, mit straffen Waden, mit langgestreckten Beinen, mit aufgerissenen Mündern, ihr Jubel kaum zu überhören. Über die Metallarme des Kleiderständers schlängelte sich der blau-weiße Schal. In den Regalen standen in Reihe und Glied Aktenorder mit bunten Aufklebern. Bleistifte mit abgebrochenen Mienen ragten aus Bechern, ebenso Kugelschreiber, die ihren Dienst quittiert hatten. Lose flatterten Papiere durchs Zimmer. Die Sekretärin kannte das nicht anders. Sie versorgte Herrn P. mit Schreibutensilien. Sie übertrug seine Notizen, die als Fleckenteppich aus Post-Its auf dem Schreibtisch lagen. Sie wusste, dass Herr P. andere Prioritäten setzte.  
Draußen lockte der Schnee. Herr P. ließ die Arbeiten, die er gerade einmal bis zur Hälfte durchgesehen hatte, links liegen, riss, den ersten Schneefall mit einem Ho-Ho-Ho begrüßend, das Fenster auf und stieg hindurch in den Hof. Den Kindern juckte es ohnehin schon in den Fingern. Als der Schuldirektor schließlich die Schneeballschlacht anordnete, gab es bald kein Halten mehr. Kreuz und quer flogen Bälle. Die Aufsicht habende Lehrerin duckte sich vorsichtshalber weg. Herrn P. aber entging das nicht. Auch die gute Frau Schmidt hatte eine kleine Abreibung verdient. Ihn streiften die ersten Bälle bloß. Er schüttelte sie lachend ab und ließ seinerseits eine Salve von Schneebällen auf die Kinder los. Als ihn ein Ball direkt ins Gesicht traf, hielt er einen Moment inne, wischte sich den Schnee aus dem Gesicht – und formte direkt den nächsten Ball. Den feuerte er in die Richtung ab, aus der jener gekommen war, der ihn erwischt hatte, aber er verfehlte sein Ziel kläglich, zumal ihn ein Lachen schüttelte. Die Kinder, ermutigt davon, dass er nicht in Rage verfiel, seiften den alten Herrn ordentlich ein. Herr P. ließ sich das Gefallen. Seitlich, ein wenig im Abseits, standen die Neuen und rührten sich nicht. Wussten nicht, ob sie dem Schnee vertrauen können. Gaben vor, dass dieses Spektakel sie gar nichts anginge. Herr P. formte drei Bälle: Einen für Sertab, einen für Amir, einen für Sinem. Letztere schrie, als der Schneeball sie im Nacken traf, fürchterlich auf. Zeig es mir, ermunterte Herr P. seine Schülerin. Da wich der Schreck in Sinems Gesicht einem Lächeln. Mit klammen Fingern formte Sinem ihren ersten Schneeball. Hier bin ich, rief Herr P. seiner Schülerin zu. Und Sinem zielte.
 
Stets mit einem Lächeln im Gesicht. Das gibt es nicht. Aber in ihrer Erinnerung trägt er, wie andere eine Brille tragen, im Gesicht ein Lächeln. Er schalt niemanden für einen Fehler, sondern lachte. Sein Lachen aber stellte niemanden in die Ecke. Sein Lachen war ein ansteckendes, begeistertes Lachen: Er lachte den Fehler aus, bis dieser klein wurde und unerheblich. Seine Schüler:innen lobte er für alternative Wahrheiten, Zugänge, die ihm verschlossen waren, Fantasie, funkelnd und gleißend. An Sinem glaubte Herr P., als noch niemand an sie glaubte, nicht einmal sie selbst. Er wusste, sie würde sich der neuen Sprache ermächtigen und ein Zuhause finden. Als Sinem nach dem Studium zu ihm zurückkehrte und ihr Referendariat antrat, lachte er. Erinnerst du dich, was ich dir beigebracht habe? Schnee tut der Seele gut. Und wenn Obst oder Gemüse fade daherkommt, lass dir das Wort im Mund zergehen. Ähnlich einer gelungenen Präsentation: Das fügt dem Geschmack noch einmal zehn Prozent hinzu.
Gisela
 
Man verlässt sich darauf, dass er einen trägt. In jungen Jahren, ohne zu murren, bis an den Stadtrand, im Alter zumindest bis zur Bushaltestelle, zum Bäcker, zum Zahnarzt. Gewebe, die Seele wohnt darin zur Zwischenmiete, ein Leibchen aus Muskeln und Sehnen. Der Körper, jener des Geliebten, aber auch der eigene: Er bereitet Lust. Er zittert, erbebt. Er tanzt. Er ist Tanz. Er hält aus. Er verliert nicht gleich seine Form, nur weil man an ihm herumzurrt. Er bricht nicht gleich, wenn man ihn belastet. Er strotzt vor Kraft. Gisela kann sich auf den ihren verlassen.
Bis zu jenem Urlaub auf Rhodos. Gisela steht unter der Dusche und wäscht sich. Da ist etwas, was da nicht hingehört: Ein Knoten. Die rechte Brust, merkwürdig eingefallen, ähnlich einer Frucht, die sich selbst verzehrt, die Haut rau wie Pergament. Die linke Brust, als würde sie sich über ihren Zwilling lustig machen, prall wie eine Zuckermelone. Gisela tritt aus dem Bad, trocknet sich ab. Das Badetuch um das nasse Haar gewunden, ruft sie ihre Frauenärztin an. Drei Tage sind es bis zum Abflug. In drei Tagen stirbt man nicht, denkt Gisela. Und probiert vor dem Spiegel das Kleid an, das sie am Vortag auf der Promenade gekauft hat. Es steht ihr ausgezeichnet. Man sieht nichts, denkt sie. Gar nichts.
 
Daheim geht es schnell. Die Diagnose ist keine Überraschung. Prognosen fliegen ihr um die Ohren. Vier Monate, sieben. Fraglich, woher ihre Ärzte diese Zahlen nehmen. Gisela schüttelt den Kopf. Sie hat nicht vor zu sterben.
            Den Chemiecocktail, den man ihr reicht, nimmt sie ungerührt zu sich. Die ganze Prozedur lässt sie über sich ergehen. Platzregen. Muss man durch. Ein gestelltes Bein. Ein Sturz. Ein wundes Knie, verstauchtes Handgelenk. Alles schon gehabt. Sie lässt sich in die Röhre schieben. Augen zu und durch. Den Tag darauf kotzt sie sich die Seele aus dem Leib, wundert sich, wie viel Leben in so einem wunden Körper steckt. Den einen Tag gönnt sie sich. Sie liegt da, mit dem Gesicht zur Wand oder über der Schüssel, die Jalousien heruntergezogen, nicht zugänglich für die Welt da draußen, nicht ansprechbar für Familie und Freunde.
 
Die restliche Zeit weigert sich Gisela, die Rolle der Totkranken anzunehmen. Sie steht ihr einfach nicht. Die Brust? Weg damit. Dem Krebs, der sich in ihr eingenistet hat, ruft sie zu: Verpiss dich. Du hast hier nichts verloren. Für die Schwestern häkelt sie Handschoner, den Ärzten schenkt sie Mützen und Schals. Sie bemalt Seide: Sonnenblumenfelder, Heidekraut. Sie erbittet sich, im Krankenzimmer ein Atelier einrichten zu dürfen und holt die anderen Frauen dazu, jene, schon von der Krankheit gezeichnet, Kahlköpfige mit wässrigen Augen, hauchzarten Membranen, Stimmen, bereits im Jenseits beheimatet und jene, die, frisch aus dem Leben gerissen, die eigene Diagnose noch nicht akzeptiert haben, den Großen kürzlich eingeschult, die Kleine gerade erst abgestillt.
            Ulla ist eine von ihnen. Die junge Frau besteht darauf: Sie möchte zu der aufs Zimmer, die den Laden hier auf Trab hält. Die mit den roten Haaren und dem Lachen, das man im Korridor schon hört. Die, die in der Zeitung stand. Mit der möchte sie lachen und heulen und wenn die anderen, betäubt von Pillen oder Spritzen, in tiefen Schlaf sinken oder sich, von Schmerzen gepeinigt, im Bett hin- und herwerfen, die Nacht durchquatschen. Die zwei Frauen verstehen sich blendend. Bald findet sich, angeleitet von Gisela, die halbe Station zum Seidenmalen ein. Wenn Ulla, von ihrem Dämon niedergerungen, sich ihren Gedanken an den Tod hingibt oder sie, entstellt von der Krankheit, ihrem Sohn und selbst ihrem Partner den Besuch im Krankenzimmer verweigert, ist es Gisela, die sie wieder aufrichtet.
 
Ein Bekannter meldet Gisela zu einem Kurs an. Sport in der Krebsnachsorge. Das geht doch nicht. Ich weiß nicht, ob ich in vier Monaten noch lebe, entfährt es ihr. Das ist kein Problem, hält der Kollege entgegen. Wenn du stirbst, melden wir dich wieder ab. Auch solche Momente gibt es: Vielleicht ist in ein paar Monaten von mir nicht mehr übrig als ein paar Kleider, Haarnadeln, Sportschuhe, drei Alben mit Fotografien aus glücklicheren Tagen, Gisela als junges Mädchen, beim Aushelfen in der Schankwirtschaft ihrer Eltern in der Bochumer Straße, Gisela im Petticoat, als einziges Mädel in der Reihe mit Kurzhaarfrisur, Gisela in Weiß, Melonenlachen, Krokodilbrosche am Revers, mit ihrem Mann beim Minigolf, das Kindchen als Bündel im Arm.
            Nach der zweiten Chemo schlägt Gisela den Krebs in die Flucht. Der wagt auch keinen zweiten Anlauf mehr. Kapitel für Kapitel fügt Gisela ihrem Leben hinzu: Ehrenämter übernimmt sie. Den Nachbarn bringt sie bei, den eigenen Körper zu spüren. Im Jetzt zu leben, nicht im Gestern oder Morgen. Kleinkinder führt sie auf Entdeckungstour durch Ückendorf. Als der Krieg die Ukraine überfällt, nimmt sie kurzentschlossen Flüchtlinge auf. Im Krankenhaus ist Gisela alle paar Jahre: Ulla nämlich gelingt es nicht, den Krebs abzuschütteln. Der Bastard hat sich an ihr festgebissen. Er befällt ihre Organe. Er frisst ihre Freundin von innen auf. Als Ulla ihren Mann wegschickt, nimmt Gisela an ihrer Seite Platz, im Gepäck die Einsicht, dass man notfalls auch in vergangenen Tagen Zuflucht findet, ein Fotoalbum, eine Tüte Fruchtgummis, Apfelringe, die im Mund alles so herrlich zusammenziehen.
Matha Schlinkert, Collage enthält Abbildungen ihrer Buchtitel.
Martha Schlinkert, geb. Galinski
 
Was nicht jedes Kind weiß: Dass es Wörter auch für die Dinge gibt, die man nicht sehen und anfassen kann: Gefühle, Bedürfnisse, Ideen. Dass es Familien gibt, die ihre Mahlzeiten gemeinsam zu sich nehmen. Dass Essen auch schmecken kann. Dass es Orte gibt, vielleicht gar nicht weit vom eigenen Zuhause, manchmal um den Block oder in derselben Straße, wo Menschen leben, die eine andere Sprache sprechen, sich anders kleiden, sich in ihren Gesprächen oder Gebeten an jemanden richten, der weit weg ist und überall zugleich und auf hundert Namen hört.
Martha als Kind hegte großes Misstrauen gegen das Wasser. Sie konnte nicht schwimmen. Sie hatte es nie gelernt und sollte es in ihrem Leben auch nicht mehr lernen. Freilich hatte sie gesehen, wie andere Menschen schwammen, aber was sie betraf, so war sie sich sicher, würde das Wasser sie nicht tragen, sondern in seine Tiefen hinunterziehen und nicht wieder freigeben. Sie hatte Kinder gesehen mit steifen Gelenken, aber sie selbst zeigte akrobatisches Geschick, hüpfte froschgleich die Munscheidstraße entlang oder schlich, den Gang einer Katze imitierend, im Schatten der Bergarbeiterbaracken. Sie hatte Kinder gesehen, watschelnd zwischen ihren Eltern, Mama auf der einen Seite, Papa auf der anderen. Sie hatte Väter gesehen, die ihre Kinder Huckepack trugen. Ihr Vater war im Krieg gefallen, als sie drei Jahre alt war. Gefallen, das sagten die Erwachsenen. Warum ist er dann nicht einfach wieder aufgestanden? Martha als Kind wusste, von Nachbarskindern und Bildern, dass auch ein Vater zur Familie gehörte, aber wie fühlte es sich an, von einem erwachsenen Mann in den Arm genommen zu werden?
Der Mann auf den Fotos sah wie ein hungriger Ingenieur aus, wie ein Bauleiter oder Schuldirektor, in schickem Hemd. Ihm haftete etwas Bestimmtes an, gleichzeitig eine gewisse Feinfühligkeit, die so gar nicht ihrer Vorstellung eines Hochofenarbeiters entsprach. Auch später noch, wenn Martha das Fotoalbum durchblätterte, fragte sie sich, ob er nicht vielleicht seinen Beruf verfehlt hatte. Weil sie ihn nicht kennengelernt hatte, hatte sie ihn auf ein Podest heben können. Er wäre – lebendig, versteht sich – der perfekte Vater gewesen. Die Mutter, zu allem Unheil, hatte das befeuert: Der Vater war Löwe und Lamm gewesen. Willensstark und sanftmütig. Beschützer und, hier kicherte sie verlegen, Schmusebär. Die Mutter hatte Martha gut kennengelernt. Das Gezeter ging ihr in jungen Jahren schon auf die Nerven, steigerte sich noch, als ihre Schwestern mit wenigen Jahren Vorsprung die Pubertät erreichten. Das Opfer, das ihre Mutter für sie alle brachte, wusste sie erst rückblickend zu schätzen. Zunächst einmal fiel ihre Mutter durch ihre Lautstärke auf. Wenn sich die Mutter nach der Nachtschicht in der Fabrik aufzubleiben zwang, um ihre Kinder schulfertig zu machen, durfte man sie weder durch besondere Heiterkeit noch Missmut provozieren, nicht Bitte äußern noch Wunsch.
Früh lernten die Kinder, Verantwortung zu übernehmen. Meist machten die Geschwister den Abwasch, schleppten Kohle, schleppten Säcke von Kartoffeln, Mehl, Milchgläser nach Hause. Martha lief, Schutzpatronin der Hühnereier, hinterher. Ihre eigentliche Aufgabe aber bestand darin, Geschichten zu erzählen. Das machte ihr Spaß. Das konnte sie. Wenn sie zu erzählen begann, sammelten sich um sie die Geschwister, wollten nicht verpassen, was die Kleine heute wieder ersponnen hatte. Wo sie ihre Einfälle hernahm, war ihnen ein Rätsel. Denn Bücher besaßen die Galinskis allenfalls zwei Handvoll: in dickem Einband die Heilige Schrift, so heilig, dass niemand sie je anrührte, einen Katalog mit Kalendersprüchen und Fotografien in Schwarz-Weiß, nicht ganz scharf und zumeist verwackelt, Volksausgaben von ein paar Klassikern, Gereimtes, dessen Sinn sich die Kinder nicht zusammenzureimen wussten, schließlich noch ein paar Jugendbücher, komplett zerlesen, die liebte Martha ganz besonders, die Seiten hatten sich längst gelöst, einige waren verloren gegangen – für Martha kein Unglück, sondern die willkommene Gelegenheit, das Geschriebene abzuwandeln.
Martha lief, wie viele Jahre, in den Kleidern herum, aus denen ihre Schwestern herausgewachsen waren. Für Bücher fehlte das Geld. Während sich ihre Geschwister mit dem Lernen schwertaten, Buchstaben wie Zahlen als Feinde betrachteten, kritzelte Martha, kaum dass sie das Schreiben erlernt hatte, ihr erste Erzählung zwischen die Zeilen einer Geschichte, deren Verfasserin, bevor sie im Sekretariat einer großen Firma verstummte, unter männlichem Pseudonym einigen Erfolg hatte. Martha selbst absolvierte eine Ausbildung zur Sekretärin. Immerhin nah an den Worten, dachte sie, als sie das Vorzimmer der Deutschen Eisenwerke betrat. Für Papier war gesorgt. Das Tippen mit zehn Fingern konnte sie, ohne dass es ihr jemand beibringen musste und die Geschichten reiften in ihrem Kopf heran wie Zitrusfrüchte im Mittelmeerraum oder Eisblumen an den Fenstern nordischer Länder. Die Abende verbrachte sie fortan schreibend. Ihre Erzählungen probierte sie kurz darauf an den Nachbarkindern aus, meist ohne zuvor noch einmal hineinzuschauen. Selten einmal strich sie ein Wort und ersetzte es durch ein anderes, raufte sich die Haare über einem Absatz, haderte mit der Pointe.
 
Am Vorabend des Krieges lernte Martha ihren Mann während eines Kurzurlaubs im Sauerland kennen. Die Nazis hatten gerade erst Polen überfallen, da trat das junge Paar vor den Traualtar. Das Leben lässt sich eben nicht verschieben, sagte sich Martha. Ungeduldig ist die Liebe, taub für Mahnungen. Den Führer und seinen Krieg beäugte sie misstrauisch. Wieder würden Männer in die Schlacht ziehen. Wieder würden Männer beweisen, wozu der Mensch fähig ist. Kindern würde man erklären müssen, auf welche Weisen man fallen kann. Froh war Martha, dass wenigstens ihr Erwin in seiner Firma unabkömmlich war. Während die Städte an der Ruhr, darunter auch ihre Heimatstadt Gelsenkirchen, im Bombenhagel verwüstet wurden, gebar Martha zwei Kinder, wie zum Trotz, als müsste man dem Hässlichen, das allerorten Einzug gehalten hatte, etwas Schönes entgegensetzen.
Genau darin bestand auch Marthas Impuls zu schreiben. Nicht Trümmer sollten die Kinder sehen, wenn sie in ihre Geschichten eintauchten. Martha leugnete Gewalt und Totschlag. Vom Glück, in eine Pfütze zu springen, schrieb sie. Und von einem Mädchen, dass Erde isst, um herauszufinden, ob die Erde im Sauerland denn wirklich sauer schmeckt. Hier wirft jemand mit Steinen, dort setzt jemand Lügen in die Welt. Ein Kind ohne Eltern stiftet Unruhe. Solcher Art waren die Dramen, sie sie aufführte. Die Literaturkritik ließ das nicht gelten. Obwohl oder gerade weil sich ihre Kinderbücher millionenfach verkauften, verriss sie Marthas Bücher: Heile Welt, hastig dahingerotzte Geschichten, ohne literarischen Anspruch. Die Autorin ließ sich davon nicht verunsichern: Nicht für die blassen Herren in den Feuilletonredaktionen schrieb sie, sondern für die Kinder. Und auch für sich selbst, ein Kind, das zu früh hatte erwachsen werden müssen.
Luis
 
Ich habe sieben Namen, für jeden Wochentag einen. Meist komme ich mit einem aus, aber es gibt Situationen, die es erfordern, sich zu verdoppeln, zu verdreifachen, zu vervierfachen. Und so weiter.
 
Ich bin aus Fenstern gesprungen. Ich bin auf Bäume geklettert. Ich habe in Pfützen gebadet, mit Echsen gesprochen. Ich habe Hühnern, zum Schlachten auserkoren, den Tod schmackhaft geredet. Ich habe mich betäubt, aus Lust und aus Langeweile. Um mich davon zu stehlen. Um zu sehen, zu fühlen, zu hören.
 
Dass ich mich mein Leben lang nicht für Politik erwärmen konnte, liegt daran, dass ich in eine Diktatur hineingeboren bin: Jeder Schritt ist bemessen. Kein Spielraum für Spielraum. Fatal die Idee, Gesellschaft gestalten zu wollen.
 
Geboren bin ich auf einer kleinen Insel in Äquatornähe. Ich habe keine Erinnerung an den Ort meiner Geburt. Zu früh habe ich ihn verlassen. Noch bevor ich das Sprechen gelernt hatte, kehrten meine Eltern von der Kolonie aufs Festland zurück. Irgendwann werde ich die Reise antreten und mir den Ort anschauen, von dem ich gekommen bin, aber noch nicht jetzt. Ich scheue mich davor: Noch darf sich der Kreis nicht schließen.
 
Aufgewachsen bin ich in einem Ort, mehr Dorf als Stadt, heute an Lissabon angeschlossen, geschluckt von der Großstadt.
 
Am Ende des Schultages wurde abgerechnet: An der Tafel demonstrierte die jüngste Statistik unser unzureichendes Wissen. Für jeden Fehler erhielten wir von der Lehrerin einen Schlag mit dem Stock. Wenn der Präsident in kugelsicherer Limousine vorrüberfuhr, standen wir Fähnchen wedelnd am Straßenrand.
 
Ich habe einen Bruder.
 
Mein Großvater besuchte mich aus dem Jenseits: Er wachte, als mich die Windpocken plagten, an meinem Bett.
 
Sonntags gingen wir in die Kirche. Mehr als den Zorn ihres Gottes fürchteten meine Eltern die Blicke ihrer Nachbarn. Der Mann am Kreuz tat mir leid, aber auch ich selbst kam mir bedauernswert vor: Statt auf der Straße mit meinen Freunden zu spielen, saßen wir, zu Kinderstatuen erstarrt, auf harten Bänken, eingeschüchtert von Heiligenscheinen, immer wieder zurechtgewiesen von unseren Müttern, bedroht vom donnernden Groll eines Geistlichen.
 
Ich war ein mittelmäßiger Schüler, nicht zu gebrauchen für Schönschrift und Algebra. Meine Konzentration reichte für drei Ermahnungen, zwei Beschuldigungen und die Ankündigung einer Strafe. Danach machte ich dicht.
 
Woraus es genau bestand, weiß ich nicht zu benennen: Das Glück, es war da, auch wenn es mir schwerfällt, einzelne Bestandteile aufzuzeigen.
 
Als ich dreizehn war, endete die Diktatur ohne Blutvergießen: Die Zivilisten steckten den Militärs Nelken in die Gewehrläufe. Mit den Möglichkeiten, die sich urplötzlich auftaten, wussten die wenigsten etwas anzufangen. Saßen in den Cafés der Hauptstadt, hielten sich an den Jobs fest, die sie früher schon nicht ausüben wollten.
 
Wann immer ich später aus dem Vorort nach Lissabon zurückfuhr, zog sich mir der Magen zusammen. Zeitreisen bekamen mir nicht. Ich reagierte empfindlich auf Dinge, die mir im alten Zuhause in die Hände fielen: die Tabakdose meines Vaters, ein kaputtgeliebtes Kuscheltier, ein Schrank mit halboffenen Läden. Dinge, die in meiner Kindheit nicht gesagt wurden. Dinge, die in meiner Kindheit gesagt wurden, die ich aber erst im Abstand der Jahre verstand: Zugeständnisse und Tadel, hartnäckiger als jedes Unkraut, der Versuch, einen Menschen zu formen, durch Rat und Beispiel und, unheilvoll wie eine Gewitterwolke, die Aussicht darauf, eine Enttäuschung zu sein.
 
Gehen, aber wohin?
 
Ich helfe mir, indem ich Vergleiche anstelle. Ich lese. Ich töpfere. Ich bemühe Farben und Gerüche. Ich spitze die Ohren: Begegne dem Regen. Ich rufe mir Stimmen ins Gedächtnis und lasse sprechen.
 
Ich gab mich dem Traum hin, Musiker zu sein. Vier junge Männer und eine vage Idee, Instrumente, Stimme. Wir schrieben Texte und komponierten. Wir coverten auch Songs, die die Leute hören wollten. Wir traten auf. Einige Zeit lang konnten wir allen Ernstes behaupten, Musiker zu sein. 
 
Schließlich widmete ich mich dem Studium der Seele, lernte ein Handwerk und fing an, mit Behinderten zu arbeiten, lernte noch einmal neu: das Sehen, das Laufen und Hören. Ich verstehe das meiste von dem, was Menschen mir sagen. Behindert bin ich, wie jeder andere auch, auf tausend Weisen.
 
Mich traf der Blitz, als sie den Raum betrat. Nie zuvor hatte ich so etwas gespürt, eine Anziehung, die mir physischen Schmerz bereitete. Mir schwindelte, wenn sie auf mich zukam, mich um eine Auskunft bat, sich nach dem Weg erkundigte oder einem Wort in meiner Sprache. Ich ging ihr aus dem Weg. Ich mied es, mich beim Abendessen zu lange in ihrer Gesellschaft aufzuhalten. Ich tat alles, um sie nicht zu nah an mich herankommen zu kommen. Ich wusste: Ich wäre verloren.
 
Muss ich alles von mir erzählen, um sein zu können, wer ich bin? Bin ich weniger Sohn, nur weil ich meinen Eltern vorenthalte, wie ich begehre und was zu tun mir Freude bereitet oder Unbehagen?
 
Als ich mich längst damit abgefunden hatte, keine Kinder zu bekommen, kam Luna. Sie brachte mir bei, Vater zu sein. Ich lernte, mich ganz zu verschenken. Wuchs unter ihren Blicken, erfand neu, was seinen Zauber längst verloren hatte. Rot flammte das Laub im Herbst. Zu Schneeflocken wurden Schneeflocken. Im Westerholter Wald tanzten unter Fliegenpilzen Elfen und Kobolde. Wie wertvoll die einzelne Stunde ist, ich hatte es vergessen: Sechzig Minuten, Papa, für wie viele Wunder reicht das? 
 
Manchmal, wenn ich von meiner Kindheit erzähle, fällt mir rückblickend auf, dass mein Vater in diesen Geschichten nicht vorkommt, obwohl er dabei war. Ein väterliches Kunststück: Zugleich anwesend und abwesend sein, Familienoberhaupt mit Tarnkappe, Vollstrecker ohne Anklage.
 
In Deutschland kam ich an mit einer schwangeren Frau und zweitausend Euro, mit den falschen Sprachen und der Aussicht auf Arbeiten, die niemand machen wollte. Ich schlug mich mit Gelegenheitsjobs durch, hielt der Frau, die ich liebte, den Rücken frei, machte den Haushalt, versorgte das Kind, während sie sich dem Studium widmete.
 
Psychohygiene. In sich hineinhören. Horchen, wonach es einem verlangt. Zulassen und ausschließen, mit Großbuchstaben schreiben in gesundem Wechsel: Ja und Nein und Vielleicht.
 
Nicht mehr lernen wollen, das ist der Anfang vom Ende der Enden.
Töpfern: Den Händen erlauben, Tag und Nacht zu vertauschen. Ich lernte, nicht indem ich wiederholte, sondern indem ich ausprobierte. Ich verschob die Gezeiten, arrangierte die Sterne neu. Meine Hände schufen, ohne dass ich es gleich merkte, gehörnte Wesen, mit frechem Grinsen und Mündern, zum Wasserspeien geeignet.
 
Dreißig Jahre hielt mein Gedächtnis zurück, was mir als Schüler widerfahren ist. Als es passierte, verließ meine Seele den Körper: Für den Jungen, der ich war, war der Schmerz nicht auszuhalten. Von oben schaute ich auf uns herab. Noch heute sehe den Flaum zwischen Oberlippe und Nasenspitze, den stumpfen Blick, die Tintenflecke auf seinen Händen, die heruntergezerrten Träger, mein Gesicht, von Panik entstellt, ein Büschel ausgerissener Haare, einen Knopf, der ins Dunkel der Kammer kullert.
 
Zuhause erzählte ich nichts. Die Scham rang mich nieder. Ich erfand das Lügen. Ich probte Ausflüchte. Ich vergaß, Detail für Detail, bis von dem Verbrechen, das an mir begangen wurde, nichts mehr übrig war.
 
Ich habe zwei Kinder gemacht, eines aus Liebe, eines aus Hoffnung.
 
Manchmal frage ich mich: Wohin sind die Jahre gegangen? Meinem Spielbild kann man nicht trauen. Zu glatt ist die Haut, leuchtend die Augen, zu voll mein Haar, nicht ergraut. Ich befürchte, man hat mich betrogen: Um Jahre.
 
Ich trage ein Kreuz um den Hals und ums Handgelenk eine Kette aus schwarzen Steinen. Christliche Zitate, Andenken an den, der ich war.
 
Jahrelang stand, wo immer ich gerade wohnte, mit Kleidung für die ersten Tage, mit wichtigen Dokumenten und Medikamenten, ein Rucksack bereit. Wartete darauf, dass ich die Flucht ergreife. Lockte mich. Rief mich zu sich: Riechst du die Freiheit? Schwärmst du nicht so für die Ferne? Es muss doch, dachte ich mir, die Möglichkeit geben, aus seinem Leben auszusteigen. Woanders dazusteigen, das muss doch drin sein.
 
Das zweite Kind machte ich in der Hoffnung, meine Ehe zu retten. Die Ehe rette ich nicht, aber mein Kind rettete die Hoffnung in mir.
 
Gelsenkirchen habe ich mir nicht ausgesucht. Ich habe eingeheiratet.
 
Im Nordsternpark steht eine Gruppe von Bäumen. Im Frühjahr, sobald die Triebe sprießen, werden sie wieder zurechtgestutzt. Die Kronen, die sie tragen, werden zu Quadraten. Ich rede ihnen gut zu: So geht es mir allenthalben.
 
Wäre ich nicht hier, wäre ich woanders. Behauptet die Logik.
 
Ich mag meine Stadt. Ich mag den Asphalt, die müden Fassaden, das Blaugrau der Tauben, die beiden Kirchen, die sich leicht versetzt, wie eingeschnappte Schwestern, gegenüberstehen. Ich mag die Idee, dass wir uns gleichen und uns vollkommen fremd sind. Dass ich hierhergehöre, weil ich hier bin, obwohl ich genauso gut woanders sein könnte. Behauptet die Logik.
 
Wäre ich woanders, wäre ich trotzdem hier.
Barbara G., Lehrerin:
Die Farbe Grün (Westerholter Wald)
 
Jedes Jahr verschwinden aus unserer Welt an die zwölftausend Farben: Von den Straßen, von Wiesen und Bergen. Von den Flügeln von Faltern. Aus königlichen Gewändern, ausgestellt unter Glas, übertragen auf Papier oder in Pixeln an die Wand geworfen. Aus dem Gesang heimischer Singvögel. Aus den Geschichten unserer Großeltern. Von Schulhöfen, aus Nachtlokalen. Ausgewaschen vom Regen sind Zinnober und Flieder. Gebleicht von einer Sonne, die kein Maß kennt. Überklebt mit Plakaten. Eingespart, wegrationiert. Keine Stiftung nimmt sich ihrer an. Die Ministerien schlafen. Mein Lieblingsort ist unter den Anwohnern beliebt als Oase. Der Wacholderdrossel bin ich dort begegnet. Sie trug ein Kleid aus Kienäpfeln und aufgespießt im Schnabel einen Käfer. Der Grünspecht hämmerte in eine Eiche das Lied seiner Reise. Die Geburtshelferkröte schenkte mir eine Kopie der Erde. Auf dem Rücken transportierte sie hundert Sonnen. In meiner Jugend grasten hier, verpflanzt aus einer anderen Landschaft, Löwen. Die waren zahm wie Kälber. Um seine Kinder sorgte sich niemand. Denn die Großkatzen verweigerten den Raub. Die Leute erzählten sich, die Löwen ernährten sich bloß von der Farbe Grün. Die Leute erzählten sich: Als das Grün weniger wurde, nahmen auch die Löwen ab. Meine Theorie ist eine andere: Mit der Zeit, gewöhnt an den Menschen, kopierten die Löwen mehr und mehr dessen Verhalten. Befassten sich mit der Endlichkeit, berauschten sich an den Sternen. Lagen sich, nachdem ein Missverständnis endlich geklärt werden konnte, jaulend in den Armen. Die Löwen, im Weinen ungeübt, waren den Tränen nahe. So sehr der eigenen Natur entwöhnt, ist es nur folgerichtig, dass sie die Menschwerdung nicht überlebten. Immerhin hatten sie aufgehört zu sein, wer sie waren. Viele Jahre komme ich hierher, um zu sein, wer ich bin. Doch werde auch ich weniger: Zu lange habe ich das zittrige Grün unter den Köpfen des Adonisröschens nicht mehr gesehen. Die Smaragde im Kostüm der Salamander vermisse ich und die Turmalinaugen der Teichjungfern.

Anna Spiekermann: Diesseits und Jenseits
 
Als Kind von sieben Jahren hatte Anna Spiekermann versucht, einem Regenwurm das Fliegen beizubringen. Mit zwölf behauptete das Mädchen, freilich nur ihrer engsten Vertrauten gegenüber, das Gespräch zweier Schmetterlinge belauscht zu haben. Ihre Dachshündin nahm diese Behauptung gelassen auf. Mit vierzehn beichtete Anna dem Pfarrer, ihr sei im Traum die heilige Jungfrau erschienen, in rußbeflecktem Nachthemd und mit aufgeplatzter Unterlippe. Die Jungfrau hatte das Mädchen gebeten, seinen vollständigen Namen zu buchstabieren. Mit den Buchstaben nicht sehr vertraut, war Anna ins Stottern geraten. Zwei Wochen lang lief Anna mit mulmigem Gefühl im Magen herum, bevor sie sich dem Pfarrer anvertraute: Die heilige Jungfrau war offensichtlich der Ansicht, dass Anna für mehr bestimmt war. Der Pfarrer hingegen wusste so viel Fantasie nicht aufzubringen. Die Jungfrau konnte er sich ausschließlich in blütenweißen Gewändern vorstellen. Er schalt das Mädchen töricht, immerhin bildete es sich ein, etwas so Kompliziertes wie das Schreiben erlernen zu können.
            Kein Monat verging, bis die heilige Jungfrau erneut erschien. Diesmal verlangte sie, Anna solle den Namen ihrer Mutter buchstabieren. So gut es eben ging, hatte sich Anna auf eine zweite Begegnung vorbereitet, doch waren ihr die Buchstaben nicht untertan. Sie verhaspelte sich. Als kurz darauf ihre Mutter verstarb, entschied Anna, den Traum für sich zu behalten. Die heilige Jungfrau, im letzten Traum mit einer Schorfwunde über der rechten Augenbraue, sparte sie fortan in ihren Gebeten aus.
 
Annas Vater, ein Soldat aus Buer, wusste mit dem Mädchen wenig anzufangen, das ihm eine Nachbarin angedreht hatte in dem Glauben, sie könne ihn durch ein Balg an sich binden. Als die Frau verstarb, überließ er die Halbwaise seiner Schwester, die, selbst Mutter von fünf Kindern, ein sechstes wohl kaum bemerken dufte. Anna erwies sich als lernfähig. Und tüchtig. Sie stand bei Tagesanbruch auf, stibitzte, ohne dass die sich beschwerten, den Hennen die frischgelegten Eier. Sie verstand sich mit dem Vieh. Die Knollen deckte sie ganz behutsam mit Erde zu. Der Hof schien ihr ihren Einsatz zu danken.
Einige Zeit lang spielte die Tante mit dem Gedanken, die angekommene Tochter nicht wieder herzugeben, doch erbarmte sie sich schließlich und machte sich daran, auch für Anna einen Gatten zu finden. Die Männer leckten sich zwar die Finger nach dem hübschen Mädchen ab, dachten aber nicht im Traum daran, den mittellosen Bastard zur Frau zu nehmen. Lediglich der Gelbgießer zeigte verhaltenes Interesse. Doch sollte es anders kommen: Die dralle Ilsbeth passte den Gelbgießer bei einer nicht ganz zufälligen Begegnung beim örtlichen Schuhmacher ab und schenkte dem Junggesellen ein Lächeln, von dem er nicht so schnell wieder erholte. Anna verwünschte die Müllerstochter. Möge der Ilsbeth der große Zeh abfaulen! Als man wenige Tage später der heulenden Isbeth wegen nach einem Arzt schickte, erschrak Anna. Dass nicht ihre Verwünschung, sondern ein verklemmter Nerv Grund ihrer Klage war, fiel nicht ins Gewicht. Im Stillen bildete sich Anna ein, dass wahr würde, woran sie nur fest genug glaubte. Anna erkannte, dass nicht nur Worte, die man sprach, sondern auch Gedanken, die man ganz für sich behielt, Wirkung entfalten konnten.
Mit viel Überredungskunst gelang es der Tante, die angenommene Tochter an einen Soldaten aus Sutum zu übergeben. Dirich gelobte die ihm Angetraute zu lieben und zu ehren, doch kannte er sich weder mit dem einen noch dem anderen sonderlich gut aus. Er ehrte Anna wie die Kuh, die seelenruhig auf der Weide graste und sich einen Klapps gern gefallen ließ und die, weil man ihr saftiges Grün vorsetzte und sie sich in dreijährigem Rhythmus decken ließ, Milch hergab. Er liebte Anna mit der Inbrunst eines wilden Tieres, bestieg sie, ohne sich seines Gewichts gewahr zu sein, drückte an ihr herum, rüttelte und schüttelte sie und ließ erst von ihr ab, wenn sein Hunger gestillt war und er, befriedigt und im Glauben, ein hervorragender Liebhaber zu sein, selbst erschöpft ins Bett fiel. Diesem ehelichen Martyrium, dass Dirich Liebe nannte und Anna ihre eheliche Pflicht, entsprang ein Kind, kränklich und blass und zahm, einem Kälbchen gleich.
Anna selbst gehorchte ihrem Mann, ohne aufzubegehren. Von ihrer Tante war sie in dem Glauben erzogen worden, dass der Wille des Mannes Gesetz war. Nie kam ihr der Gedanke, sie selbst könnte etwas wollen.
 
Das neue Jahrhundert war noch kein Jahr alt, da geschah, was ebenfalls außerhalb ihrer Vorstellungskraft lag: Dirich fiel. Der Tod lauerte überall. Er nahm Junge und Alte zu sich, winzige Knirpse, die gerade ihren ersten Atemzug getan hatten, Urgroßmütter, knittrig an Jahren, nahezu blind und taub und doch unwillig, sich vom alten Meister zu einem letzten Tanz auffordern zu lassen. Anna gefror, als sie die Nachricht erhielt. Nicht der Verlust an sich erschrak sie, doch bedeutete sein Ableben den Untergang der Welt, wie sie sie kannte. Was war sie ohne ihn? Eine amputierte Frau. Seine Familie sah dies genauso und setzte die junge Witwe vor die Tür. Im ganzen Brockmannshof fand sich kein Zimmerchen für Anna und ihre minderjährige Tochter, von der es auf einmal hieß, dass sie ihrem Vater gar nicht ähnlich sehe. Mit ihrer Tochter ging Anna nach Westerholt, wo sie sich, schon nicht mehr jung, als Magd verdingte.
 
Im Winter starb ihre Tochter. Anna tröstete sich damit, dass auch sie nur zu Besuch auf dieser Welt war und bald schon dorthin käme, wo ihre Tochter auf sie wartete.
            Im Sommer stellte ein Mann ihr nach. Sie war auf dem Weg zur Weißnäherin, wo sie eine Bestellung für die Herrin des Hauses abholen sollte. Den Kerl, der ihr nachpfiff, kannte sie vom Sehen. Man erzählte sich, zweimal war ihm ein Weib vor der Eheschließung weggelaufen, dabei war er gar nicht unvermögend, ein Raufbold wahrscheinlich, Saufkopf wie alle aus dem Stall Krampe. Anna beschleunigte ihren Schritt.
Ein paar Wochen später war es genau dieser Mann, der sich ihr in den Weg stellte, als sie sich, mittags vom Viehmarkt kommend, auf dem Heimweg befand. „Sind wir einander bekannt?“, fragte sie. Johannes Krampe erwiderte: „Du solltest mich kennen.“ Anna zuckte mit den Schultern. Da fügte er lachend hinzu. „Selbst wenn du mich nicht kennst, vergessen wirst du mich nicht mehr.“ Anna trat einen Schritt zur Seite, um an dem Mann vorbeizukommen, doch der hatte sie schon am Hals gepackt, riss sie an sich heran und warf sie, weil sie wie von Sinnen mit den Armen zu fuchteln begann, zu Boden. Er setzte sich der Frau auf den Brustkorb, mit den Beinen nahm er sie in die Mangel. An den Haaren packte er sie und verpasste ihr, den Kopf fixierend, ein paar Backpfeifen. „Ich kann noch doller“, bot er an und zwang sie, weil sie nicht reagierte, die Augen zu öffnen und ihm ins Gesicht zu gucken. Als er unter ihren Rock langte und das Höschen zerriss, leistete sie bereits keinen Widerstand mehr. Sie wimmerte nicht. Sie flehte nicht. Sie sprach auch im Stillen kein Gebet. Sie hörte für sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, einfach auf zu sein. Der Mann drehte Anna auf den Bauch, ihr Gesicht im Dreck der Landstraße. Er schob ihren Rock hoch und presste sein halberigiertes Glied zwischen ihre Pobacken. Er fummelte an sich herum, aber es half nichts. Sein Glied wurde einfach nicht steif. Daraufhin begann er Anna als hässliches Weib zu beschimpfen. Wieder zog er sie an den Haaren. Da wurde er eines Fuhrwerks gewahr, dass ihnen, noch in einiger Entfernung, auf der Landstraße entgegenfuhr. Johannes Kampe richtete sich ätzend auf, band sich die Hose zu und ließ Anna, nur noch halb bei Bewusstsein, liegen.
Die Hausherrin erwartete ihre Magd. Als sie Anna erblickte, wich der Ärger in ihrem Gesicht einem gewissen Misstrauen. Anna überreichte ihr das Geld, das sie auf dem Markt eingenommen hatte und wie durch ein Wunder im Kampf nicht verloren hatte. Die Hausherrin zählte nach. „Das ist alles?“, fragte sie. Und befahl ihrer Magd, deren Anblick ihre Augen beleidigten, sich zu waschen.
 
Irgendwer hatte irgendetwas mitbekommen und irgendwem erzählt. Anna merkte das daran, dass sich die Menschen von ihr abwandten und ihre Köpfe zusammensteckten, kaum dass sie vorüber war.
Auch Johannes Krampe spürte die Blicke auf sich. Er schimpfte auf das dämliche Weib. Rasend machte es ihn, wenn die Spiekermann aufrechten Ganges über den Hof schritt, einer verwitweten Magd ihres Alters nicht angemessen, nein, wie die Hausherrin höchstpersönlich. Kriechend, dachte er, sollte sich dieses Weib fortbewegen. Vielleicht lag es daran, dass er Zurückweisung einfach nicht ertragen konnte: Ein Weib – nicht mehr und nicht über die Maßen schön, zudem nicht das Weib eines anderen Mannes – hatte es gewagt, sich seiner zu entziehen. Vielleicht war es die Scham über den eigenen Körper, dieses einem hässlichen Wurm ähnelnde Stückchen Fleisch, das seinen Zweck einfach nicht erfüllte. Jedenfalls behauptete Johannes Krampe in aller Öffentlichkeit, dass dieses Weib ihn verhext hatte. Sie hatte ihm seine Manneskraft genommen und würde, da war er sich sicher, Unheil auch über alle anderen Männer bringen. Die Männer schäumten vor Wut und lauerten ihr bei nächster Gelegenheit auf. Anna hatte keine Chance.
 
Vor Gericht widersprach sie. Ja, ja, als aus Richtungen, die sie gar nicht kannte, Fäuste auf sie einschlugen, hatte sie gestanden, diesem Mann, den sie gar nicht kannte, die Manneskraft genommen zu haben. Sie hätte alles gestanden. Wenn sie eine Hexe wäre, hätte sie die Männer, die da auf sie einschlugen, doch aber einfach weggezaubert oder deren Fäuste in Federn verwandelt. Einer der Männer auf der Anklagebank konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, die anderen verzogen keine Miene.
            Eine Hexe? Ihr Haar, zumindest wenn echtes Tageslicht darauf fiel, wies, zumindest aus einer gewissen Perspektive, einen rötlichen Stich auf. Aschblond, dachte sich Anna. Und schwieg. Am dritten Tag der Verhandlung hatte sie verstanden, dass sich die alten Männer für ihre Version der Geschichte nicht interessierten. Die verhandelten, Anna von allen Seiten betrachtend, über sie wie über das Vieh auf dem Markt.
Der Hausherrin, bei der sich Anna als Magd verdingte, war nichts Außergewöhnliches aufgefallen: Anna erschien pünktlich zum Dienst, erledigte ihre Aufgaben zwar nicht übereifrig, doch mit einer gewissen Sorgfalt und richtete, was sie besonders schätze, kein überflüssiges Wort an sie. Wenn sie denn über magische Kräfte verfügte – für die Hausarbeit setzte sie diese nicht ein. Eine alte Nachbarin rief in Erinnerung, was jeder in Westerholt wusste: Die Großmutter schon hatte man des teuflischen Treibens überführt. Der schlechte Ruf haftete ihrer Sippschaft an. Von jenen, die in direkter Linie mit Anna verwandt waren, wollte niemand bezeugen, dass sie eine Hexe war. Als junges Mädchen, fiel es jedoch einem Cousin zweiten Grades ein, hatte die Anna allen Ernstes behauptet, die Mutter Gottes sei ihr im Traum erschienen. Ein Bub – Anna erinnerte sich nicht, wo sie ihn gesehen hatte – meinte, nach dem Besuch der übelgelaunten Tante tagelang an Magenkrämpfen gelitten zu haben. Eine Nachbarin schlug vor, ihre Stube zu durchsuchen. Anna nahm diesen Vorschlag ungerührt hin. Salben und Öle, welche sich die feinen Damen in Hände und Füße einmassierten, besaß sie keine, aber in den Gläsern im Kleiderschrank bewahrte sie Kräuter auf, mit denen sie ihren Ausschlag heilte oder ein Kratzen im Hals.
 
Als das Urteil gefällt wurde, rührte sich Anna nicht. Von beiden Seiten griffen Männerarme nach ihr, zogen sie, weil ihr die Füße den Dienst verweigerten, fort, aus dem Gebäude heraus, das gar nicht ihrer Vorstellung von einem Gericht entsprach, sondern sie an den Stall erinnerte, den sich Pferde und Kühe teilten, Wesen, die zwar viel miteinander gemein hatten und doch, so stellte es sich Anna zumindest vor, den anderen für eine misslungene Version ihrer Selbst halten mussten.
            Im Kerker schrumpfte ihr Körper zusammen. Sie wurde weniger. Die Haut, zunächst fahlblass, bald mit Ekzemen übersät, tat ihr weh. Die Augen, dem Sonnenlicht entwöhnt, trübten sich. Winzig kleine Wesen, für die die Leute noch keine Namen besaßen, hatten sich Zugang zu ihrem Körper verschafft und setzten ihn nun von innen in Brand. Sie war mehr Schmerz als Mensch, mehr Jenseits als Diesseits. Warum hatte Er ihr diesen Körper gegeben, der sich vor Schmerzen zwar krümmte, doch nicht zerbrach? Warum hielten ihren Körper Kräfte zusammen, von denen sie nichts geahnt hatte? Warum protestierte das Herz nicht gegen die Folter? Warum rebellierte nicht der Geist gegen die Dunkelheit, die sie umgab? Warum?
 
Sie hatte das Gefühl für die Zeit längst verloren, als sich fünfzehn Monate nach ihrer Verurteilung die Kerkertür öffnete und von beiden Seiten Männerarme nach ihr langten, sie, die nicht mehr aus eigener Kraft stehen konnte, auf die Beine stellten und fixierten, damit sie nicht einfach zusammenbrach und sich davonstahl. Immerhin sollte sie, die überführte Hexe, für alle sichtbar, auf der Wetterwiese hingerichtet werden. Keine Frau sollte es mehr wagen, sich über einen Mann, so rechtschaffen und gottesfürchtig wie Johannes Krampe, zu erheben. Die Leute aus Westerholt warteten, einige mit flauem Gefühl in der Magengegend, andere mit von Vorfreude erhitzten Gesichtern. Aus Sutum waren die Leute gekommen, vom Brockmannshof, solche, die als Verwandte bekannt waren, solche, die ihre Verwandtschaft verleugneten und sich darauf beriefen, dass die Spiekermann ein Bastard war, eingeheiratet, ungewollt. Die meisten waren irgendwann in ihrem Leben Zeuge davon geworden, wie ein Tier geschlachtet wurde, Schwein oder Rind, wie eine Gans gerupft wurde oder ein Huhn geköpft. Nun wollten sie sehen, was passierte, wenn man einer Hexe zu Leibe rückte. Würde sich das schreckliche Weib beim ersten Hieb in Staub auflösen? Würde es Feuer spucken oder Ungeziefer regnen lassen?
Während Anna Spiekermann über den Platz geschleift wurde, erhaschte sie aus dem Augenwinkel in einer Pfütze ihr Spiegelbild. Sie haben es geschafft, dachte sie. Es ist ihnen gelungen. Ich sehe aus wie eine Hexe.
Rudolf Rempel, Chemiker
 
Wie kann einem etwas gehören? Ein ganzes Land oder ein Quadratmeter davon, Blumenwiese oder Wasserfall, Palast oder Hühnerstall? Wie kann man allen Ernstes glauben, dass das Wort, das man gerade erst gesprochen hat, einem gehört? Kehrt es zurück, wenn man es ruft? Was verleitet den Menschen zur Annahme, ein Haustier, Hund oder Katze, Papagei oder Wiesel, ließe sich besitzen, nur weil es sich einem zuwendet, wenn man es ruft? Wie kann man sich der Liebe eines anderen Menschen gewiss sein, Gunst oder Missgunst? Aus welchen Atomen setzt sich der Hass zusammen? Und wie oft muss uns das Leben beweisen, dass unser Körper nichts als eine Leihgabe ist, derer wir uns erfreuen sollten, ein Zauberding aus Nervensträngen, aus Sehnen und Muskeln, mit Armen, um zu umarmen, um zu erkunden: mit Armen, Beinen, Augen.
Rudolf Rempel interessierten die Dinge, die man mit dem bloßen Auge nicht sehen kann. Und was die Dinge, die wir sehen, zusammenhält. Er fragte sich, woher die Säure im Apfel kommt und die Bläue der Feigen und wie die Feder funktioniert, die ihm die Elster auf den Gartentisch gelegt hatte, was die Sterne am Himmel bedeuten und warum Wasser sich anders fortbewegt als das Licht. Schon als Kind bastelte Rudolf an allen möglichen Apparaturen herum, zerlegte Uhrwerke, Webstuhl, Küchenmühle. Aus Haarbändern und Birkenzweigen baute er eine Wäscheschleuder, die den Stoff nur ein ganz kleines Bisschen verzog und wirklich nur äußerst selten einen Brand verursachte. Eine Maschine baute er, die in der Lage war, winzige Löcher zu stechen. Der Junge löcherte Obst und Gemüse damit, Eier und, wenn die Schwester das Schreiben lernte, die einarmige Stoffpuppe mit der Hasenscharte. Der Junge, befand seine Mutter, hatte Flausen im Kopf. Womit genau er sich den lieben langen Tag befasste, wusste sie nicht.
Auch später, ihr Junge hatte sich einen Bart wachsen lassen und widmete sich den Wissenschaften, verstand sie nicht, mit welchen Annahmen sich Rudolf befasste. Seiner jungen Frau erging es genauso. Ihr hatte Rudolf erklärt, wie sich ohne ein Zündholz Feuer erzeugen ließe. Hermine deutete ein verhaltenes Nicken an. Sie begriff nicht, warum es vonnöten war, die verschiedenen Schichten eines Berges abzutragen und nach ihren Eigenschaften zu beschreiben. Warum kritzelte er, während sie sich in einen Roman vertiefte und ihren schönsten Gedanken hingab, auf ein Papier Formeln und Zahlen, die ihr nichts sagten, eine geheime Sprache, Verwünschungen, Beschwörungsformeln. Vielleicht machte er sich über ihr seichtes Gemüt lustig? Seine Experimente tolerierte sie, aber wissen wollte sie davon nichts mehr. Zu viel Geschirr war zu Bruch gegangen. Zu viele Stunden hatte sie damit verbracht, Boden und Wände zu schrubben. Nur eine seiner Erfindungen, die bereitete ihr tatsächlich so etwas wie Freude. Rudolf hatte Gläser mit glatt geschliffenen Rändern hergestellt, die sich ganz einfach mit Gummiringen und Blechdeckeln verschließen ließen, zudem Apparate, um die Gläser während des Einkochens geschlossen zu halten. Seinen Apparat zum selbstständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen ließ er extra registrieren. Ein Patent nannte man das, erklärte er seiner Frau, die vorübergehend das Nörgeln vergaß.
Auch Hermines Freundinnen waren von der Erfindung begeistert, immerhin konnten sie nun für den Winter konservieren, was ihnen sonst nach wenigen Tagen einfach wegschimmelte, Gemüse, Fleisch, Obst. Kunden für die Gläser fanden sich in Windeseile. Fabrikanten und Lebensmittelproduzenten bestellten in großer Stückzahl, aber auch Gatten, deren Ehefrauen mit Scheidung drohten, wenn ihnen weiterhin winters immer nur Pökelfleisch vorgesetzt würde. Hermine hatte eine Schwäche für Süßes und kochte Marmeladen ein. Rudolf bevorzugte zwar herzhafte Speisen, doch beruhigte es ihn, wenn er seine Frau in der Küche wusste. Denn die Romane, die sie las, verdarben sie. Seitdem sie verstanden hatte, was die ganz große Liebe bedeutete, verlangte sie von ihrem Gatten Aufmerksamkeitsbekundungen, in regelmäßigen Abständen Geschenke: Schnittblumen, eine Halskette, Pralinen. Hermine verlangte, ausgeführt zu werden, in schicken Roben, Aufführungen zu besuchen, die auch die feinen Fräuleins besuchten. Hermine forderte Worte ein, die ihre Liebe besiegelten. Rudolf tat sich insbesondere mit Letzterem schwer: Er kannte die Worte nicht, die sie hören wollte. Aus dem Mund eines Mannes hatte er sie nie gehört. Er wusste nicht, wie sie klingen mussten und so stammelte er meist bloß ein zwei Sätze, die seine Gattin keineswegs befriedigten, sondern eher in Rage versetzten.
            Böse Zungen behaupteten, der Chemiker sei an den Worten erstickt, die seine junge Frau ihm abverlangt hatte. Nachbarn meinten, ein Röcheln vernommen zu haben. Angebliche Freundinnen mutmaßten, bei so einer Gattin, stets auf Krawall gebürstet, sei es kein Wunder, dass dem Mann mitten im Satz einfach das Herz stehengeblieben war. In Wirklichkeit verstarb Rudolf Rempel in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr an einer Krankheit, für die noch kein Heilmittel erfunden war. Johann Carl Weck, ein äußerst zuvorkommen auftretender Herr, der sich früher schon brennend für Rudolfs Erfindungen interessiert hatte, erwarb schließlich das Patent. Ursprünglich suchte der Unternehmer nach einer Möglichkeit, Früchte ohne den Einsatz von Alkohol zu konservieren. Herr Weck ernährte sich entgegen den Konventionen seiner Zeit. Er aß kein Tier und rührte auch keinen Alkohol an. Die natürlichen Inhaltsstoffe der Lebensmittel wollte er konservieren. Die meisten Mitglieder seiner Familie belächelten seine Eigenart oder machten sich Sorgen um den kauzigen Herrn, erst der immense Erfolg des Geschäfts beruhigte sie. Bald verfügte jeder Haushalt, zumindest hinten im Einbauschauschränkchen, über ein paar der praktischen Gläser und schließlich – Rudolf Rumpel war längst vergessen – wurde der Name Weck in den Duden aufgenommen. Seit Vierunddreißig lassen sich auch in Schulaufsätzen Lebensmittel nicht mehr nur einkochen, sondern auch einwecken.
Fritz Duda, Maler
 
Als die Hebamme ihn seiner Mutter das erste Mal in den Arm legte, wusste sie nicht, wie sie das ihrem Mann erklären sollte, aber sie zwang sich zu einem Lächeln. Sie schwor sich, ihren Sohn zu lieben. Daran, das muss man ihr zugutehalten, hielt Irmtraut Duda ein Leben lang fest. Dem Jungen waren an beiden Händen die Finger zusammengewachsen. Fritz würde zugreifen können. Er würde anpacken können. Auf hundert Arten würde er sich nützlich machen können, aber die Jungs in der Schule würden ihn dennoch verspotten. Das war schon abzusehen, als er – kleiner als die anderen Neugeborenen, irgendwie unfertig – noch in einen Schuhkarton gepasst hätte. Was einen möglichen Spitznamen anging, tippte die Mutter auf Flosse, der Vater auf Hufen. Die anderen Kinder nannten ihn Kaulquappe, woraufhin der Junge eine selbst geschnitzte Weidenrute auf den lautesten Schreihals niedersausen ließ. Dabei empfand Fritz keinerlei Freude. Er erklärte dem Jungen, den es erwischt hatte, sogar, wofür er sich die Tracht Prügel eingefangen hatte. Fritz Duda besaß einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann dass jemand für etwas verurteilt wurde, für das er nichts konnte: eine zu hohe Stimme, zu weit auseinanderstehende Augen, eine spitze Nase oder eine mit einem Höcker, rotes Haar oder schwarzes Haar. In für sein Alter bemerkenswerter Klarheit erklärte er dem Jungen, der versucht hatte, ihn mit seinen Worten zu treffen, dass niemand etwas dafür könne, dass er als Pole oder Deutscher geboren werde, Sommersprossen im Gesicht habe oder einen fremdklingenden Namen und deshalb jawohl nicht geärgert werden dürfe.
            Hatten die Eltern daran zu knabbern, dass ihr Sohnemann nicht in die Fußstapfen von Großvater und Vater treten würde, fühlte sich Fritz ob der Freifahrt, die ihm das Leben spendierte, herrlich beschwingt: Er würde seine Tage nicht unter Tage verbringen müssen. Er kannte die Geschichten vom Bergbau, in denen ein Erzähler mit Whiskystimme Schweiß auf Fleiß reimte und in denen Bergknechte, Bergmänner, Bergvogte und manchmal sogar Berggeschworene auftraten. Weil es für ihn keinen Plan zu erfüllen gab, konnte er frei wählen, ging nach Essen an die Folkwangschule und von dort weiter an die Kunsthochschule Berlin Charlottenburg/Weißensee. Er lernte, aus welchen Formen sich die Welt zusammensetze. Fiel ihm im Herbst ein Ahornblatt vor die Füße, zerlegte er es gedanklich sogleich in seine Einzelteile, zeichnete, ohne Papier und Stift, ein Dreieck mit abgerundeter Basis und zog darüber sowie linker und rechter Hand kronenartige Zickzacklinien. Er hatte das Gefühl, die Welt besser zu verstehen, wenn er sie in Quadrate, Kreise und Dreiecke, in Zylinder und Würfel auflöste. Als aus Paris die neue Kunst mit ihren Deformationen und Farben, zu rot und zu blau und zu gelb, nach Deutschland herüberschwappte, wurde ihm vorübergehend schwindelig. Bald jedoch gab er seinen inneren Widerstand auf. Er hatte das Getränk, das sie alle tranken, noch nicht probiert, aber er kannte schon seinen Geschmack. Das Auge, meinte er zu verstehen, war nur eines von verschiedenen kleinen Hilfsmitteln, die dem Menschen gegeben waren: Um zu sehen und um zu verstehen, wie sich alles zusammensetzte, aus wie viel Arten von Grün der Efeu bestand, welche Sterne in welcher Anordnung auf den Himmel gehörten, wie viele Muskeln ein Lächeln erzeugten.
            Noch keine 25 und freilich ohne dies mit der Familie zu erörtern, trat Fritz in Berlin der Assoziation revolutionärer bildender Künstler bei und, kurz darauf, einer Splitterpartei der KPD, wurde Mitglied des Roten Studentenbundes und schlug sich, von der Kunsthochschule ausgeschlossen, als freischaffender Künstler durch, bis er Sechsunddreißig mit einem Ausstellungsverbot belegt wurde. Für weniger talentierte Maler malte er Gemälde, von deren Erlös er gerade einmal so viel erhielt, dass er sich Unterkunft und Zigaretten leisten konnte. Von letzteren rauchte er fünfzig Stück am Tag. Die Zähne, ebenso die Fingerkuppen seiner ohnehin albern aussehenden Hände färbten sich gelb. Fritz unternahm Reisen, als Anhängsel von Kollegen, die es sich leisten konnten, Reisen zu unternehmen, und fand als Zeichner und Modellbauer in einem Architekturbüro Anstellung. Im Krieg gestaltete er für die Rote Kapelle Flugblätter, die er mit Männern und Frauen, von denen er zumeist nur die Decknamen kannte, in Hinterhofhallen vervielfältige. Als sich die Reihen um ihn lichteten, Gerüchte von Festnahmen, von Folter und Hinrichtung ihn erreichten, entschied Duda, wider Willen erwachsen geworden, dass es wichtig war, vorsichtiger zu sein. Als Vierundvierzig das ausgebombt wurde, was er sein Atelier nannte, trank er zwei Tage und Nächte lang alles, was ihm in die Finger geriet, Hauptsache, von der Konsistenz von Tränen. Dann sagte er sich: Sei’s drum! Er suchte einen Freund auf, den er um ein sauberes Hemd bat und lachte sich ein Mädchen an, das er liebte.
            Nach dem Krieg gründete er die Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Künstler. Er trat der SED bei und wurde, aufgrund seiner einstigen Mitgliedschaft in der KPO, bald wieder ausgeschlossen. Dass man ihm seine Bezüge strich, ihm Aufträge vorenthielt und den Verkauf seiner Bilder erschwerte, wurmte ihn. Er wollte Kunst schaffen, aber das Leben intervenierte. Er hatte immer gedacht, man müsse leben, um malen zu können. Nun aber bildete er sich, zumindest vorübergehend, ein, das Leben stünde dem schöpferischen Prozess feindlich gegenüber. Er schloss sich für Wochen in seine Wohnung ein, ernährte sich von Graupen und Marmelade, und malte Bilder, die er niemandem zeigen konnte. Schließlich klopfte Fritz Cremer an seine Tür, bat den verwahrlosten Kollegen, sich zu waschen und zu rasieren, schenkte jedem ein Gläschen Schnaps ein und führte ihn, den Sonnenuntergang abwartend, der Nacht zu. Die Ungerechtigkeit auch im neuen Staat war so groß, dass man sie einfach nicht ignorieren konnte. Die Ultras in den eigenen Reihen ähnelten in Fratzen und Parolen der Faschisten von gestern. Duda sah ein, dass es an ihnen lag, die Gesellschaft mitzugestalten. Nach Horst schickte er einen Stapel Flugblätter, irgendwie hatten sie den Krieg überstanden, irgendwer hatte ihn als Autor identifiziert und ausfindig gemacht. Seiner Mutter schrieb er, dass er vorerst in Berlin gebraucht würde und dass er sie umarme, vorerst in Gedanken, aber wer wisse schon, welche Form sich Gedanken suchen.
            Als die Partei die Vorwürfe gegen ihn fallenließ, stand er ohne alles da. Er ahnte noch nicht, dass ihm Verdienstorden und Nationalpreis zuteilwürden. Er saß in dem Zimmerchen, das er Atelier nannte und trug, fast ohne Vision, Farbe auf.