Gelsenkirchen

Luis
 
Ich habe sieben Namen, für jeden Wochentag einen. Meist komme ich mit einem aus, aber es gibt Situationen, die es erfordern, sich zu verdoppeln, zu verdreifachen, zu vervierfachen. Und so weiter.
 
Ich bin aus Fenstern gesprungen. Ich bin auf Bäume geklettert. Ich habe in Pfützen gebadet, mit Echsen gesprochen. Ich habe Hühnern, zum Schlachten auserkoren, den Tod schmackhaft geredet. Ich habe mich betäubt, aus Lust und aus Langeweile. Um mich davon zu stehlen. Um zu sehen, zu fühlen, zu hören.
 
Dass ich mich mein Leben lang nicht für Politik erwärmen konnte, liegt daran, dass ich in eine Diktatur hineingeboren bin: Jeder Schritt ist bemessen. Kein Spielraum für Spielraum. Fatal die Idee, Gesellschaft gestalten zu wollen.
 
Geboren bin ich auf einer kleinen Insel in Äquatornähe. Ich habe keine Erinnerung an den Ort meiner Geburt. Zu früh habe ich ihn verlassen. Noch bevor ich das Sprechen gelernt hatte, kehrten meine Eltern von der Kolonie aufs Festland zurück. Irgendwann werde ich die Reise antreten und mir den Ort anschauen, von dem ich gekommen bin, aber noch nicht jetzt. Ich scheue mich davor: Noch darf sich der Kreis nicht schließen.
 
Aufgewachsen bin ich in einem Ort, mehr Dorf als Stadt, heute an Lissabon angeschlossen, geschluckt von der Großstadt.
 
Am Ende des Schultages wurde abgerechnet: An der Tafel demonstrierte die jüngste Statistik unser unzureichendes Wissen. Für jeden Fehler erhielten wir von der Lehrerin einen Schlag mit dem Stock. Wenn der Präsident in kugelsicherer Limousine vorrüberfuhr, standen wir Fähnchen wedelnd am Straßenrand.
 
Ich habe einen Bruder.
 
Mein Großvater besuchte mich aus dem Jenseits: Er wachte, als mich die Windpocken plagten, an meinem Bett.
 
Sonntags gingen wir in die Kirche. Mehr als den Zorn ihres Gottes fürchteten meine Eltern die Blicke ihrer Nachbarn. Der Mann am Kreuz tat mir leid, aber auch ich selbst kam mir bedauernswert vor: Statt auf der Straße mit meinen Freunden zu spielen, saßen wir, zu Kinderstatuen erstarrt, auf harten Bänken, eingeschüchtert von Heiligenscheinen, immer wieder zurechtgewiesen von unseren Müttern, bedroht vom donnernden Groll eines Geistlichen.
 
Ich war ein mittelmäßiger Schüler, nicht zu gebrauchen für Schönschrift und Algebra. Meine Konzentration reichte für drei Ermahnungen, zwei Beschuldigungen und die Ankündigung einer Strafe. Danach machte ich dicht.
 
Woraus es genau bestand, weiß ich nicht zu benennen: Das Glück, es war da, auch wenn es mir schwerfällt, einzelne Bestandteile aufzuzeigen.
 
Als ich dreizehn war, endete die Diktatur ohne Blutvergießen: Die Zivilisten steckten den Militärs Nelken in die Gewehrläufe. Mit den Möglichkeiten, die sich urplötzlich auftaten, wussten die wenigsten etwas anzufangen. Saßen in den Cafés der Hauptstadt, hielten sich an den Jobs fest, die sie früher schon nicht ausüben wollten.
 
Wann immer ich später aus dem Vorort nach Lissabon zurückfuhr, zog sich mir der Magen zusammen. Zeitreisen bekamen mir nicht. Ich reagierte empfindlich auf Dinge, die mir im alten Zuhause in die Hände fielen: die Tabakdose meines Vaters, ein kaputtgeliebtes Kuscheltier, ein Schrank mit halboffenen Läden. Dinge, die in meiner Kindheit nicht gesagt wurden. Dinge, die in meiner Kindheit gesagt wurden, die ich aber erst im Abstand der Jahre verstand: Zugeständnisse und Tadel, hartnäckiger als jedes Unkraut, der Versuch, einen Menschen zu formen, durch Rat und Beispiel und, unheilvoll wie eine Gewitterwolke, die Aussicht darauf, eine Enttäuschung zu sein.
 
Gehen, aber wohin?
 
Ich helfe mir, indem ich Vergleiche anstelle. Ich lese. Ich töpfere. Ich bemühe Farben und Gerüche. Ich spitze die Ohren: Begegne dem Regen. Ich rufe mir Stimmen ins Gedächtnis und lasse sprechen.
 
Ich gab mich dem Traum hin, Musiker zu sein. Vier junge Männer und eine vage Idee, Instrumente, Stimme. Wir schrieben Texte und komponierten. Wir coverten auch Songs, die die Leute hören wollten. Wir traten auf. Einige Zeit lang konnten wir allen Ernstes behaupten, Musiker zu sein. 
 
Schließlich widmete ich mich dem Studium der Seele, lernte ein Handwerk und fing an, mit Behinderten zu arbeiten, lernte noch einmal neu: das Sehen, das Laufen und Hören. Ich verstehe das meiste von dem, was Menschen mir sagen. Behindert bin ich, wie jeder andere auch, auf tausend Weisen.
 
Mich traf der Blitz, als sie den Raum betrat. Nie zuvor hatte ich so etwas gespürt, eine Anziehung, die mir physischen Schmerz bereitete. Mir schwindelte, wenn sie auf mich zukam, mich um eine Auskunft bat, sich nach dem Weg erkundigte oder einem Wort in meiner Sprache. Ich ging ihr aus dem Weg. Ich mied es, mich beim Abendessen zu lange in ihrer Gesellschaft aufzuhalten. Ich tat alles, um sie nicht zu nah an mich herankommen zu kommen. Ich wusste: Ich wäre verloren.
 
Muss ich alles von mir erzählen, um sein zu können, wer ich bin? Bin ich weniger Sohn, nur weil ich meinen Eltern vorenthalte, wie ich begehre und was zu tun mir Freude bereitet oder Unbehagen?
 
Als ich mich längst damit abgefunden hatte, keine Kinder zu bekommen, kam Luna. Sie brachte mir bei, Vater zu sein. Ich lernte, mich ganz zu verschenken. Wuchs unter ihren Blicken, erfand neu, was seinen Zauber längst verloren hatte. Rot flammte das Laub im Herbst. Zu Schneeflocken wurden Schneeflocken. Im Westerholter Wald tanzten unter Fliegenpilzen Elfen und Kobolde. Wie wertvoll die einzelne Stunde ist, ich hatte es vergessen: Sechzig Minuten, Papa, für wie viele Wunder reicht das? 
 
Manchmal, wenn ich von meiner Kindheit erzähle, fällt mir rückblickend auf, dass mein Vater in diesen Geschichten nicht vorkommt, obwohl er dabei war. Ein väterliches Kunststück: Zugleich anwesend und abwesend sein, Familienoberhaupt mit Tarnkappe, Vollstrecker ohne Anklage.
 
In Deutschland kam ich an mit einer schwangeren Frau und zweitausend Euro, mit den falschen Sprachen und der Aussicht auf Arbeiten, die niemand machen wollte. Ich schlug mich mit Gelegenheitsjobs durch, hielt der Frau, die ich liebte, den Rücken frei, machte den Haushalt, versorgte das Kind, während sie sich dem Studium widmete.
 
Psychohygiene. In sich hineinhören. Horchen, wonach es einem verlangt. Zulassen und ausschließen, mit Großbuchstaben schreiben in gesundem Wechsel: Ja und Nein und Vielleicht.
 
Nicht mehr lernen wollen, das ist der Anfang vom Ende der Enden.
Töpfern: Den Händen erlauben, Tag und Nacht zu vertauschen. Ich lernte, nicht indem ich wiederholte, sondern indem ich ausprobierte. Ich verschob die Gezeiten, arrangierte die Sterne neu. Meine Hände schufen, ohne dass ich es gleich merkte, gehörnte Wesen, mit frechem Grinsen und Mündern, zum Wasserspeien geeignet.
 
Dreißig Jahre hielt mein Gedächtnis zurück, was mir als Schüler widerfahren ist. Als es passierte, verließ meine Seele den Körper: Für den Jungen, der ich war, war der Schmerz nicht auszuhalten. Von oben schaute ich auf uns herab. Noch heute sehe den Flaum zwischen Oberlippe und Nasenspitze, den stumpfen Blick, die Tintenflecke auf seinen Händen, die heruntergezerrten Träger, mein Gesicht, von Panik entstellt, ein Büschel ausgerissener Haare, einen Knopf, der ins Dunkel der Kammer kullert.
 
Zuhause erzählte ich nichts. Die Scham rang mich nieder. Ich erfand das Lügen. Ich probte Ausflüchte. Ich vergaß, Detail für Detail, bis von dem Verbrechen, das an mir begangen wurde, nichts mehr übrig war.
 
Ich habe zwei Kinder gemacht, eines aus Liebe, eines aus Hoffnung.
 
Manchmal frage ich mich: Wohin sind die Jahre gegangen? Meinem Spielbild kann man nicht trauen. Zu glatt ist die Haut, leuchtend die Augen, zu voll mein Haar, nicht ergraut. Ich befürchte, man hat mich betrogen: Um Jahre.
 
Ich trage ein Kreuz um den Hals und ums Handgelenk eine Kette aus schwarzen Steinen. Christliche Zitate, Andenken an den, der ich war.
 
Jahrelang stand, wo immer ich gerade wohnte, mit Kleidung für die ersten Tage, mit wichtigen Dokumenten und Medikamenten, ein Rucksack bereit. Wartete darauf, dass ich die Flucht ergreife. Lockte mich. Rief mich zu sich: Riechst du die Freiheit? Schwärmst du nicht so für die Ferne? Es muss doch, dachte ich mir, die Möglichkeit geben, aus seinem Leben auszusteigen. Woanders dazusteigen, das muss doch drin sein.
 
Das zweite Kind machte ich in der Hoffnung, meine Ehe zu retten. Die Ehe rette ich nicht, aber mein Kind rettete die Hoffnung in mir.
 
Gelsenkirchen habe ich mir nicht ausgesucht. Ich habe eingeheiratet.
 
Im Nordsternpark steht eine Gruppe von Bäumen. Im Frühjahr, sobald die Triebe sprießen, werden sie wieder zurechtgestutzt. Die Kronen, die sie tragen, werden zu Quadraten. Ich rede ihnen gut zu: So geht es mir allenthalben.
 
Wäre ich nicht hier, wäre ich woanders. Behauptet die Logik.
 
Ich mag meine Stadt. Ich mag den Asphalt, die müden Fassaden, das Blaugrau der Tauben, die beiden Kirchen, die sich leicht versetzt, wie eingeschnappte Schwestern, gegenüberstehen. Ich mag die Idee, dass wir uns gleichen und uns vollkommen fremd sind. Dass ich hierhergehöre, weil ich hier bin, obwohl ich genauso gut woanders sein könnte. Behauptet die Logik.
 
Wäre ich woanders, wäre ich trotzdem hier.
Barbara G., Lehrerin:
Die Farbe Grün (Westerholter Wald)
 
Jedes Jahr verschwinden aus unserer Welt an die zwölftausend Farben: Von den Straßen, von Wiesen und Bergen. Von den Flügeln von Faltern. Aus königlichen Gewändern, ausgestellt unter Glas, übertragen auf Papier oder in Pixeln an die Wand geworfen. Aus dem Gesang heimischer Singvögel. Aus den Geschichten unserer Großeltern. Von Schulhöfen, aus Nachtlokalen. Ausgewaschen vom Regen sind Zinnober und Flieder. Gebleicht von einer Sonne, die kein Maß kennt. Überklebt mit Plakaten. Eingespart, wegrationiert. Keine Stiftung nimmt sich ihrer an. Die Ministerien schlafen. Mein Lieblingsort ist unter den Anwohnern beliebt als Oase. Der Wacholderdrossel bin ich dort begegnet. Sie trug ein Kleid aus Kienäpfeln und aufgespießt im Schnabel einen Käfer. Der Grünspecht hämmerte in eine Eiche das Lied seiner Reise. Die Geburtshelferkröte schenkte mir eine Kopie der Erde. Auf dem Rücken transportierte sie hundert Sonnen. In meiner Jugend grasten hier, verpflanzt aus einer anderen Landschaft, Löwen. Die waren zahm wie Kälber. Um seine Kinder sorgte sich niemand. Denn die Großkatzen verweigerten den Raub. Die Leute erzählten sich, die Löwen ernährten sich bloß von der Farbe Grün. Die Leute erzählten sich: Als das Grün weniger wurde, nahmen auch die Löwen ab. Meine Theorie ist eine andere: Mit der Zeit, gewöhnt an den Menschen, kopierten die Löwen mehr und mehr dessen Verhalten. Befassten sich mit der Endlichkeit, berauschten sich an den Sternen. Lagen sich, nachdem ein Missverständnis endlich geklärt werden konnte, jaulend in den Armen. Die Löwen, im Weinen ungeübt, waren den Tränen nahe. So sehr der eigenen Natur entwöhnt, ist es nur folgerichtig, dass sie die Menschwerdung nicht überlebten. Immerhin hatten sie aufgehört zu sein, wer sie waren. Viele Jahre komme ich hierher, um zu sein, wer ich bin. Doch werde auch ich weniger: Zu lange habe ich das zittrige Grün unter den Köpfen des Adonisröschens nicht mehr gesehen. Die Smaragde im Kostüm der Salamander vermisse ich und die Turmalinaugen der Teichjungfern.

Anna Spiekermann: Diesseits und Jenseits
 
Als Kind von sieben Jahren hatte Anna Spiekermann versucht, einem Regenwurm das Fliegen beizubringen. Mit zwölf behauptete das Mädchen, freilich nur ihrer engsten Vertrauten gegenüber, das Gespräch zweier Schmetterlinge belauscht zu haben. Ihre Dachshündin nahm diese Behauptung gelassen auf. Mit vierzehn beichtete Anna dem Pfarrer, ihr sei im Traum die heilige Jungfrau erschienen, in rußbeflecktem Nachthemd und mit aufgeplatzter Unterlippe. Die Jungfrau hatte das Mädchen gebeten, seinen vollständigen Namen zu buchstabieren. Mit den Buchstaben nicht sehr vertraut, war Anna ins Stottern geraten. Zwei Wochen lang lief Anna mit mulmigem Gefühl im Magen herum, bevor sie sich dem Pfarrer anvertraute: Die heilige Jungfrau war offensichtlich der Ansicht, dass Anna für mehr bestimmt war. Der Pfarrer hingegen wusste so viel Fantasie nicht aufzubringen. Die Jungfrau konnte er sich ausschließlich in blütenweißen Gewändern vorstellen. Er schalt das Mädchen töricht, immerhin bildete es sich ein, etwas so Kompliziertes wie das Schreiben erlernen zu können.
            Kein Monat verging, bis die heilige Jungfrau erneut erschien. Diesmal verlangte sie, Anna solle den Namen ihrer Mutter buchstabieren. So gut es eben ging, hatte sich Anna auf eine zweite Begegnung vorbereitet, doch waren ihr die Buchstaben nicht untertan. Sie verhaspelte sich. Als kurz darauf ihre Mutter verstarb, entschied Anna, den Traum für sich zu behalten. Die heilige Jungfrau, im letzten Traum mit einer Schorfwunde über der rechten Augenbraue, sparte sie fortan in ihren Gebeten aus.
 
Annas Vater, ein Soldat aus Buer, wusste mit dem Mädchen wenig anzufangen, das ihm eine Nachbarin angedreht hatte in dem Glauben, sie könne ihn durch ein Balg an sich binden. Als die Frau verstarb, überließ er die Halbwaise seiner Schwester, die, selbst Mutter von fünf Kindern, ein sechstes wohl kaum bemerken dufte. Anna erwies sich als lernfähig. Und tüchtig. Sie stand bei Tagesanbruch auf, stibitzte, ohne dass die sich beschwerten, den Hennen die frischgelegten Eier. Sie verstand sich mit dem Vieh. Die Knollen deckte sie ganz behutsam mit Erde zu. Der Hof schien ihr ihren Einsatz zu danken.
Einige Zeit lang spielte die Tante mit dem Gedanken, die angekommene Tochter nicht wieder herzugeben, doch erbarmte sie sich schließlich und machte sich daran, auch für Anna einen Gatten zu finden. Die Männer leckten sich zwar die Finger nach dem hübschen Mädchen ab, dachten aber nicht im Traum daran, den mittellosen Bastard zur Frau zu nehmen. Lediglich der Gelbgießer zeigte verhaltenes Interesse. Doch sollte es anders kommen: Die dralle Ilsbeth passte den Gelbgießer bei einer nicht ganz zufälligen Begegnung beim örtlichen Schuhmacher ab und schenkte dem Junggesellen ein Lächeln, von dem er nicht so schnell wieder erholte. Anna verwünschte die Müllerstochter. Möge der Ilsbeth der große Zeh abfaulen! Als man wenige Tage später der heulenden Isbeth wegen nach einem Arzt schickte, erschrak Anna. Dass nicht ihre Verwünschung, sondern ein verklemmter Nerv Grund ihrer Klage war, fiel nicht ins Gewicht. Im Stillen bildete sich Anna ein, dass wahr würde, woran sie nur fest genug glaubte. Anna erkannte, dass nicht nur Worte, die man sprach, sondern auch Gedanken, die man ganz für sich behielt, Wirkung entfalten konnten.
Mit viel Überredungskunst gelang es der Tante, die angenommene Tochter an einen Soldaten aus Sutum zu übergeben. Dirich gelobte die ihm Angetraute zu lieben und zu ehren, doch kannte er sich weder mit dem einen noch dem anderen sonderlich gut aus. Er ehrte Anna wie die Kuh, die seelenruhig auf der Weide graste und sich einen Klapps gern gefallen ließ und die, weil man ihr saftiges Grün vorsetzte und sie sich in dreijährigem Rhythmus decken ließ, Milch hergab. Er liebte Anna mit der Inbrunst eines wilden Tieres, bestieg sie, ohne sich seines Gewichts gewahr zu sein, drückte an ihr herum, rüttelte und schüttelte sie und ließ erst von ihr ab, wenn sein Hunger gestillt war und er, befriedigt und im Glauben, ein hervorragender Liebhaber zu sein, selbst erschöpft ins Bett fiel. Diesem ehelichen Martyrium, dass Dirich Liebe nannte und Anna ihre eheliche Pflicht, entsprang ein Kind, kränklich und blass und zahm, einem Kälbchen gleich.
Anna selbst gehorchte ihrem Mann, ohne aufzubegehren. Von ihrer Tante war sie in dem Glauben erzogen worden, dass der Wille des Mannes Gesetz war. Nie kam ihr der Gedanke, sie selbst könnte etwas wollen.
 
Das neue Jahrhundert war noch kein Jahr alt, da geschah, was ebenfalls außerhalb ihrer Vorstellungskraft lag: Dirich fiel. Der Tod lauerte überall. Er nahm Junge und Alte zu sich, winzige Knirpse, die gerade ihren ersten Atemzug getan hatten, Urgroßmütter, knittrig an Jahren, nahezu blind und taub und doch unwillig, sich vom alten Meister zu einem letzten Tanz auffordern zu lassen. Anna gefror, als sie die Nachricht erhielt. Nicht der Verlust an sich erschrak sie, doch bedeutete sein Ableben den Untergang der Welt, wie sie sie kannte. Was war sie ohne ihn? Eine amputierte Frau. Seine Familie sah dies genauso und setzte die junge Witwe vor die Tür. Im ganzen Brockmannshof fand sich kein Zimmerchen für Anna und ihre minderjährige Tochter, von der es auf einmal hieß, dass sie ihrem Vater gar nicht ähnlich sehe. Mit ihrer Tochter ging Anna nach Westerholt, wo sie sich, schon nicht mehr jung, als Magd verdingte.
 
Im Winter starb ihre Tochter. Anna tröstete sich damit, dass auch sie nur zu Besuch auf dieser Welt war und bald schon dorthin käme, wo ihre Tochter auf sie wartete.
            Im Sommer stellte ein Mann ihr nach. Sie war auf dem Weg zur Weißnäherin, wo sie eine Bestellung für die Herrin des Hauses abholen sollte. Den Kerl, der ihr nachpfiff, kannte sie vom Sehen. Man erzählte sich, zweimal war ihm ein Weib vor der Eheschließung weggelaufen, dabei war er gar nicht unvermögend, ein Raufbold wahrscheinlich, Saufkopf wie alle aus dem Stall Krampe. Anna beschleunigte ihren Schritt.
Ein paar Wochen später war es genau dieser Mann, der sich ihr in den Weg stellte, als sie sich, mittags vom Viehmarkt kommend, auf dem Heimweg befand. „Sind wir einander bekannt?“, fragte sie. Johannes Krampe erwiderte: „Du solltest mich kennen.“ Anna zuckte mit den Schultern. Da fügte er lachend hinzu. „Selbst wenn du mich nicht kennst, vergessen wirst du mich nicht mehr.“ Anna trat einen Schritt zur Seite, um an dem Mann vorbeizukommen, doch der hatte sie schon am Hals gepackt, riss sie an sich heran und warf sie, weil sie wie von Sinnen mit den Armen zu fuchteln begann, zu Boden. Er setzte sich der Frau auf den Brustkorb, mit den Beinen nahm er sie in die Mangel. An den Haaren packte er sie und verpasste ihr, den Kopf fixierend, ein paar Backpfeifen. „Ich kann noch doller“, bot er an und zwang sie, weil sie nicht reagierte, die Augen zu öffnen und ihm ins Gesicht zu gucken. Als er unter ihren Rock langte und das Höschen zerriss, leistete sie bereits keinen Widerstand mehr. Sie wimmerte nicht. Sie flehte nicht. Sie sprach auch im Stillen kein Gebet. Sie hörte für sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, einfach auf zu sein. Der Mann drehte Anna auf den Bauch, ihr Gesicht im Dreck der Landstraße. Er schob ihren Rock hoch und presste sein halberigiertes Glied zwischen ihre Pobacken. Er fummelte an sich herum, aber es half nichts. Sein Glied wurde einfach nicht steif. Daraufhin begann er Anna als hässliches Weib zu beschimpfen. Wieder zog er sie an den Haaren. Da wurde er eines Fuhrwerks gewahr, dass ihnen, noch in einiger Entfernung, auf der Landstraße entgegenfuhr. Johannes Kampe richtete sich ätzend auf, band sich die Hose zu und ließ Anna, nur noch halb bei Bewusstsein, liegen.
Die Hausherrin erwartete ihre Magd. Als sie Anna erblickte, wich der Ärger in ihrem Gesicht einem gewissen Misstrauen. Anna überreichte ihr das Geld, das sie auf dem Markt eingenommen hatte und wie durch ein Wunder im Kampf nicht verloren hatte. Die Hausherrin zählte nach. „Das ist alles?“, fragte sie. Und befahl ihrer Magd, deren Anblick ihre Augen beleidigten, sich zu waschen.
 
Irgendwer hatte irgendetwas mitbekommen und irgendwem erzählt. Anna merkte das daran, dass sich die Menschen von ihr abwandten und ihre Köpfe zusammensteckten, kaum dass sie vorüber war.
Auch Johannes Krampe spürte die Blicke auf sich. Er schimpfte auf das dämliche Weib. Rasend machte es ihn, wenn die Spiekermann aufrechten Ganges über den Hof schritt, einer verwitweten Magd ihres Alters nicht angemessen, nein, wie die Hausherrin höchstpersönlich. Kriechend, dachte er, sollte sich dieses Weib fortbewegen. Vielleicht lag es daran, dass er Zurückweisung einfach nicht ertragen konnte: Ein Weib – nicht mehr und nicht über die Maßen schön, zudem nicht das Weib eines anderen Mannes – hatte es gewagt, sich seiner zu entziehen. Vielleicht war es die Scham über den eigenen Körper, dieses einem hässlichen Wurm ähnelnde Stückchen Fleisch, das seinen Zweck einfach nicht erfüllte. Jedenfalls behauptete Johannes Krampe in aller Öffentlichkeit, dass dieses Weib ihn verhext hatte. Sie hatte ihm seine Manneskraft genommen und würde, da war er sich sicher, Unheil auch über alle anderen Männer bringen. Die Männer schäumten vor Wut und lauerten ihr bei nächster Gelegenheit auf. Anna hatte keine Chance.
 
Vor Gericht widersprach sie. Ja, ja, als aus Richtungen, die sie gar nicht kannte, Fäuste auf sie einschlugen, hatte sie gestanden, diesem Mann, den sie gar nicht kannte, die Manneskraft genommen zu haben. Sie hätte alles gestanden. Wenn sie eine Hexe wäre, hätte sie die Männer, die da auf sie einschlugen, doch aber einfach weggezaubert oder deren Fäuste in Federn verwandelt. Einer der Männer auf der Anklagebank konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, die anderen verzogen keine Miene.
            Eine Hexe? Ihr Haar, zumindest wenn echtes Tageslicht darauf fiel, wies, zumindest aus einer gewissen Perspektive, einen rötlichen Stich auf. Aschblond, dachte sich Anna. Und schwieg. Am dritten Tag der Verhandlung hatte sie verstanden, dass sich die alten Männer für ihre Version der Geschichte nicht interessierten. Die verhandelten, Anna von allen Seiten betrachtend, über sie wie über das Vieh auf dem Markt.
Der Hausherrin, bei der sich Anna als Magd verdingte, war nichts Außergewöhnliches aufgefallen: Anna erschien pünktlich zum Dienst, erledigte ihre Aufgaben zwar nicht übereifrig, doch mit einer gewissen Sorgfalt und richtete, was sie besonders schätze, kein überflüssiges Wort an sie. Wenn sie denn über magische Kräfte verfügte – für die Hausarbeit setzte sie diese nicht ein. Eine alte Nachbarin rief in Erinnerung, was jeder in Westerholt wusste: Die Großmutter schon hatte man des teuflischen Treibens überführt. Der schlechte Ruf haftete ihrer Sippschaft an. Von jenen, die in direkter Linie mit Anna verwandt waren, wollte niemand bezeugen, dass sie eine Hexe war. Als junges Mädchen, fiel es jedoch einem Cousin zweiten Grades ein, hatte die Anna allen Ernstes behauptet, die Mutter Gottes sei ihr im Traum erschienen. Ein Bub – Anna erinnerte sich nicht, wo sie ihn gesehen hatte – meinte, nach dem Besuch der übelgelaunten Tante tagelang an Magenkrämpfen gelitten zu haben. Eine Nachbarin schlug vor, ihre Stube zu durchsuchen. Anna nahm diesen Vorschlag ungerührt hin. Salben und Öle, welche sich die feinen Damen in Hände und Füße einmassierten, besaß sie keine, aber in den Gläsern im Kleiderschrank bewahrte sie Kräuter auf, mit denen sie ihren Ausschlag heilte oder ein Kratzen im Hals.
 
Als das Urteil gefällt wurde, rührte sich Anna nicht. Von beiden Seiten griffen Männerarme nach ihr, zogen sie, weil ihr die Füße den Dienst verweigerten, fort, aus dem Gebäude heraus, das gar nicht ihrer Vorstellung von einem Gericht entsprach, sondern sie an den Stall erinnerte, den sich Pferde und Kühe teilten, Wesen, die zwar viel miteinander gemein hatten und doch, so stellte es sich Anna zumindest vor, den anderen für eine misslungene Version ihrer Selbst halten mussten.
            Im Kerker schrumpfte ihr Körper zusammen. Sie wurde weniger. Die Haut, zunächst fahlblass, bald mit Ekzemen übersät, tat ihr weh. Die Augen, dem Sonnenlicht entwöhnt, trübten sich. Winzig kleine Wesen, für die die Leute noch keine Namen besaßen, hatten sich Zugang zu ihrem Körper verschafft und setzten ihn nun von innen in Brand. Sie war mehr Schmerz als Mensch, mehr Jenseits als Diesseits. Warum hatte Er ihr diesen Körper gegeben, der sich vor Schmerzen zwar krümmte, doch nicht zerbrach? Warum hielten ihren Körper Kräfte zusammen, von denen sie nichts geahnt hatte? Warum protestierte das Herz nicht gegen die Folter? Warum rebellierte nicht der Geist gegen die Dunkelheit, die sie umgab? Warum?
 
Sie hatte das Gefühl für die Zeit längst verloren, als sich fünfzehn Monate nach ihrer Verurteilung die Kerkertür öffnete und von beiden Seiten Männerarme nach ihr langten, sie, die nicht mehr aus eigener Kraft stehen konnte, auf die Beine stellten und fixierten, damit sie nicht einfach zusammenbrach und sich davonstahl. Immerhin sollte sie, die überführte Hexe, für alle sichtbar, auf der Wetterwiese hingerichtet werden. Keine Frau sollte es mehr wagen, sich über einen Mann, so rechtschaffen und gottesfürchtig wie Johannes Krampe, zu erheben. Die Leute aus Westerholt warteten, einige mit flauem Gefühl in der Magengegend, andere mit von Vorfreude erhitzten Gesichtern. Aus Sutum waren die Leute gekommen, vom Brockmannshof, solche, die als Verwandte bekannt waren, solche, die ihre Verwandtschaft verleugneten und sich darauf beriefen, dass die Spiekermann ein Bastard war, eingeheiratet, ungewollt. Die meisten waren irgendwann in ihrem Leben Zeuge davon geworden, wie ein Tier geschlachtet wurde, Schwein oder Rind, wie eine Gans gerupft wurde oder ein Huhn geköpft. Nun wollten sie sehen, was passierte, wenn man einer Hexe zu Leibe rückte. Würde sich das schreckliche Weib beim ersten Hieb in Staub auflösen? Würde es Feuer spucken oder Ungeziefer regnen lassen?
Während Anna Spiekermann über den Platz geschleift wurde, erhaschte sie aus dem Augenwinkel in einer Pfütze ihr Spiegelbild. Sie haben es geschafft, dachte sie. Es ist ihnen gelungen. Ich sehe aus wie eine Hexe.
Rudolf Rempel, Chemiker
 
Wie kann einem etwas gehören? Ein ganzes Land oder ein Quadratmeter davon, Blumenwiese oder Wasserfall, Palast oder Hühnerstall? Wie kann man allen Ernstes glauben, dass das Wort, das man gerade erst gesprochen hat, einem gehört? Kehrt es zurück, wenn man es ruft? Was verleitet den Menschen zur Annahme, ein Haustier, Hund oder Katze, Papagei oder Wiesel, ließe sich besitzen, nur weil es sich einem zuwendet, wenn man es ruft? Wie kann man sich der Liebe eines anderen Menschen gewiss sein, Gunst oder Missgunst? Aus welchen Atomen setzt sich der Hass zusammen? Und wie oft muss uns das Leben beweisen, dass unser Körper nichts als eine Leihgabe ist, derer wir uns erfreuen sollten, ein Zauberding aus Nervensträngen, aus Sehnen und Muskeln, mit Armen, um zu umarmen, um zu erkunden: mit Armen, Beinen, Augen.
Rudolf Rempel interessierten die Dinge, die man mit dem bloßen Auge nicht sehen kann. Und was die Dinge, die wir sehen, zusammenhält. Er fragte sich, woher die Säure im Apfel kommt und die Bläue der Feigen und wie die Feder funktioniert, die ihm die Elster auf den Gartentisch gelegt hatte, was die Sterne am Himmel bedeuten und warum Wasser sich anders fortbewegt als das Licht. Schon als Kind bastelte Rudolf an allen möglichen Apparaturen herum, zerlegte Uhrwerke, Webstuhl, Küchenmühle. Aus Haarbändern und Birkenzweigen baute er eine Wäscheschleuder, die den Stoff nur ein ganz kleines Bisschen verzog und wirklich nur äußerst selten einen Brand verursachte. Eine Maschine baute er, die in der Lage war, winzige Löcher zu stechen. Der Junge löcherte Obst und Gemüse damit, Eier und, wenn die Schwester das Schreiben lernte, die einarmige Stoffpuppe mit der Hasenscharte. Der Junge, befand seine Mutter, hatte Flausen im Kopf. Womit genau er sich den lieben langen Tag befasste, wusste sie nicht.
Auch später, ihr Junge hatte sich einen Bart wachsen lassen und widmete sich den Wissenschaften, verstand sie nicht, mit welchen Annahmen sich Rudolf befasste. Seiner jungen Frau erging es genauso. Ihr hatte Rudolf erklärt, wie sich ohne ein Zündholz Feuer erzeugen ließe. Hermine deutete ein verhaltenes Nicken an. Sie begriff nicht, warum es vonnöten war, die verschiedenen Schichten eines Berges abzutragen und nach ihren Eigenschaften zu beschreiben. Warum kritzelte er, während sie sich in einen Roman vertiefte und ihren schönsten Gedanken hingab, auf ein Papier Formeln und Zahlen, die ihr nichts sagten, eine geheime Sprache, Verwünschungen, Beschwörungsformeln. Vielleicht machte er sich über ihr seichtes Gemüt lustig? Seine Experimente tolerierte sie, aber wissen wollte sie davon nichts mehr. Zu viel Geschirr war zu Bruch gegangen. Zu viele Stunden hatte sie damit verbracht, Boden und Wände zu schrubben. Nur eine seiner Erfindungen, die bereitete ihr tatsächlich so etwas wie Freude. Rudolf hatte Gläser mit glatt geschliffenen Rändern hergestellt, die sich ganz einfach mit Gummiringen und Blechdeckeln verschließen ließen, zudem Apparate, um die Gläser während des Einkochens geschlossen zu halten. Seinen Apparat zum selbstständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen ließ er extra registrieren. Ein Patent nannte man das, erklärte er seiner Frau, die vorübergehend das Nörgeln vergaß.
Auch Hermines Freundinnen waren von der Erfindung begeistert, immerhin konnten sie nun für den Winter konservieren, was ihnen sonst nach wenigen Tagen einfach wegschimmelte, Gemüse, Fleisch, Obst. Kunden für die Gläser fanden sich in Windeseile. Fabrikanten und Lebensmittelproduzenten bestellten in großer Stückzahl, aber auch Gatten, deren Ehefrauen mit Scheidung drohten, wenn ihnen weiterhin winters immer nur Pökelfleisch vorgesetzt würde. Hermine hatte eine Schwäche für Süßes und kochte Marmeladen ein. Rudolf bevorzugte zwar herzhafte Speisen, doch beruhigte es ihn, wenn er seine Frau in der Küche wusste. Denn die Romane, die sie las, verdarben sie. Seitdem sie verstanden hatte, was die ganz große Liebe bedeutete, verlangte sie von ihrem Gatten Aufmerksamkeitsbekundungen, in regelmäßigen Abständen Geschenke: Schnittblumen, eine Halskette, Pralinen. Hermine verlangte, ausgeführt zu werden, in schicken Roben, Aufführungen zu besuchen, die auch die feinen Fräuleins besuchten. Hermine forderte Worte ein, die ihre Liebe besiegelten. Rudolf tat sich insbesondere mit Letzterem schwer: Er kannte die Worte nicht, die sie hören wollte. Aus dem Mund eines Mannes hatte er sie nie gehört. Er wusste nicht, wie sie klingen mussten und so stammelte er meist bloß ein zwei Sätze, die seine Gattin keineswegs befriedigten, sondern eher in Rage versetzten.
            Böse Zungen behaupteten, der Chemiker sei an den Worten erstickt, die seine junge Frau ihm abverlangt hatte. Nachbarn meinten, ein Röcheln vernommen zu haben. Angebliche Freundinnen mutmaßten, bei so einer Gattin, stets auf Krawall gebürstet, sei es kein Wunder, dass dem Mann mitten im Satz einfach das Herz stehengeblieben war. In Wirklichkeit verstarb Rudolf Rempel in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr an einer Krankheit, für die noch kein Heilmittel erfunden war. Johann Carl Weck, ein äußerst zuvorkommen auftretender Herr, der sich früher schon brennend für Rudolfs Erfindungen interessiert hatte, erwarb schließlich das Patent. Ursprünglich suchte der Unternehmer nach einer Möglichkeit, Früchte ohne den Einsatz von Alkohol zu konservieren. Herr Weck ernährte sich entgegen den Konventionen seiner Zeit. Er aß kein Tier und rührte auch keinen Alkohol an. Die natürlichen Inhaltsstoffe der Lebensmittel wollte er konservieren. Die meisten Mitglieder seiner Familie belächelten seine Eigenart oder machten sich Sorgen um den kauzigen Herrn, erst der immense Erfolg des Geschäfts beruhigte sie. Bald verfügte jeder Haushalt, zumindest hinten im Einbauschauschränkchen, über ein paar der praktischen Gläser und schließlich – Rudolf Rumpel war längst vergessen – wurde der Name Weck in den Duden aufgenommen. Seit Vierunddreißig lassen sich auch in Schulaufsätzen Lebensmittel nicht mehr nur einkochen, sondern auch einwecken.
Fritz Duda, Maler
 
Als die Hebamme ihn seiner Mutter das erste Mal in den Arm legte, wusste sie nicht, wie sie das ihrem Mann erklären sollte, aber sie zwang sich zu einem Lächeln. Sie schwor sich, ihren Sohn zu lieben. Daran, das muss man ihr zugutehalten, hielt Irmtraut Duda ein Leben lang fest. Dem Jungen waren an beiden Händen die Finger zusammengewachsen. Fritz würde zugreifen können. Er würde anpacken können. Auf hundert Arten würde er sich nützlich machen können, aber die Jungs in der Schule würden ihn dennoch verspotten. Das war schon abzusehen, als er – kleiner als die anderen Neugeborenen, irgendwie unfertig – noch in einen Schuhkarton gepasst hätte. Was einen möglichen Spitznamen anging, tippte die Mutter auf Flosse, der Vater auf Hufen. Die anderen Kinder nannten ihn Kaulquappe, woraufhin der Junge eine selbst geschnitzte Weidenrute auf den lautesten Schreihals niedersausen ließ. Dabei empfand Fritz keinerlei Freude. Er erklärte dem Jungen, den es erwischt hatte, sogar, wofür er sich die Tracht Prügel eingefangen hatte. Fritz Duda besaß einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann dass jemand für etwas verurteilt wurde, für das er nichts konnte: eine zu hohe Stimme, zu weit auseinanderstehende Augen, eine spitze Nase oder eine mit einem Höcker, rotes Haar oder schwarzes Haar. In für sein Alter bemerkenswerter Klarheit erklärte er dem Jungen, der versucht hatte, ihn mit seinen Worten zu treffen, dass niemand etwas dafür könne, dass er als Pole oder Deutscher geboren werde, Sommersprossen im Gesicht habe oder einen fremdklingenden Namen und deshalb jawohl nicht geärgert werden dürfe.
            Hatten die Eltern daran zu knabbern, dass ihr Sohnemann nicht in die Fußstapfen von Großvater und Vater treten würde, fühlte sich Fritz ob der Freifahrt, die ihm das Leben spendierte, herrlich beschwingt: Er würde seine Tage nicht unter Tage verbringen müssen. Er kannte die Geschichten vom Bergbau, in denen ein Erzähler mit Whiskystimme Schweiß auf Fleiß reimte und in denen Bergknechte, Bergmänner, Bergvogte und manchmal sogar Berggeschworene auftraten. Weil es für ihn keinen Plan zu erfüllen gab, konnte er frei wählen, ging nach Essen an die Folkwangschule und von dort weiter an die Kunsthochschule Berlin Charlottenburg/Weißensee. Er lernte, aus welchen Formen sich die Welt zusammensetze. Fiel ihm im Herbst ein Ahornblatt vor die Füße, zerlegte er es gedanklich sogleich in seine Einzelteile, zeichnete, ohne Papier und Stift, ein Dreieck mit abgerundeter Basis und zog darüber sowie linker und rechter Hand kronenartige Zickzacklinien. Er hatte das Gefühl, die Welt besser zu verstehen, wenn er sie in Quadrate, Kreise und Dreiecke, in Zylinder und Würfel auflöste. Als aus Paris die neue Kunst mit ihren Deformationen und Farben, zu rot und zu blau und zu gelb, nach Deutschland herüberschwappte, wurde ihm vorübergehend schwindelig. Bald jedoch gab er seinen inneren Widerstand auf. Er hatte das Getränk, das sie alle tranken, noch nicht probiert, aber er kannte schon seinen Geschmack. Das Auge, meinte er zu verstehen, war nur eines von verschiedenen kleinen Hilfsmitteln, die dem Menschen gegeben waren: Um zu sehen und um zu verstehen, wie sich alles zusammensetzte, aus wie viel Arten von Grün der Efeu bestand, welche Sterne in welcher Anordnung auf den Himmel gehörten, wie viele Muskeln ein Lächeln erzeugten.
            Noch keine 25 und freilich ohne dies mit der Familie zu erörtern, trat Fritz in Berlin der Assoziation revolutionärer bildender Künstler bei und, kurz darauf, einer Splitterpartei der KPD, wurde Mitglied des Roten Studentenbundes und schlug sich, von der Kunsthochschule ausgeschlossen, als freischaffender Künstler durch, bis er Sechsunddreißig mit einem Ausstellungsverbot belegt wurde. Für weniger talentierte Maler malte er Gemälde, von deren Erlös er gerade einmal so viel erhielt, dass er sich Unterkunft und Zigaretten leisten konnte. Von letzteren rauchte er fünfzig Stück am Tag. Die Zähne, ebenso die Fingerkuppen seiner ohnehin albern aussehenden Hände färbten sich gelb. Fritz unternahm Reisen, als Anhängsel von Kollegen, die es sich leisten konnten, Reisen zu unternehmen, und fand als Zeichner und Modellbauer in einem Architekturbüro Anstellung. Im Krieg gestaltete er für die Rote Kapelle Flugblätter, die er mit Männern und Frauen, von denen er zumeist nur die Decknamen kannte, in Hinterhofhallen vervielfältige. Als sich die Reihen um ihn lichteten, Gerüchte von Festnahmen, von Folter und Hinrichtung ihn erreichten, entschied Duda, wider Willen erwachsen geworden, dass es wichtig war, vorsichtiger zu sein. Als Vierundvierzig das ausgebombt wurde, was er sein Atelier nannte, trank er zwei Tage und Nächte lang alles, was ihm in die Finger geriet, Hauptsache, von der Konsistenz von Tränen. Dann sagte er sich: Sei’s drum! Er suchte einen Freund auf, den er um ein sauberes Hemd bat und lachte sich ein Mädchen an, das er liebte.
            Nach dem Krieg gründete er die Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Künstler. Er trat der SED bei und wurde, aufgrund seiner einstigen Mitgliedschaft in der KPO, bald wieder ausgeschlossen. Dass man ihm seine Bezüge strich, ihm Aufträge vorenthielt und den Verkauf seiner Bilder erschwerte, wurmte ihn. Er wollte Kunst schaffen, aber das Leben intervenierte. Er hatte immer gedacht, man müsse leben, um malen zu können. Nun aber bildete er sich, zumindest vorübergehend, ein, das Leben stünde dem schöpferischen Prozess feindlich gegenüber. Er schloss sich für Wochen in seine Wohnung ein, ernährte sich von Graupen und Marmelade, und malte Bilder, die er niemandem zeigen konnte. Schließlich klopfte Fritz Cremer an seine Tür, bat den verwahrlosten Kollegen, sich zu waschen und zu rasieren, schenkte jedem ein Gläschen Schnaps ein und führte ihn, den Sonnenuntergang abwartend, der Nacht zu. Die Ungerechtigkeit auch im neuen Staat war so groß, dass man sie einfach nicht ignorieren konnte. Die Ultras in den eigenen Reihen ähnelten in Fratzen und Parolen der Faschisten von gestern. Duda sah ein, dass es an ihnen lag, die Gesellschaft mitzugestalten. Nach Horst schickte er einen Stapel Flugblätter, irgendwie hatten sie den Krieg überstanden, irgendwer hatte ihn als Autor identifiziert und ausfindig gemacht. Seiner Mutter schrieb er, dass er vorerst in Berlin gebraucht würde und dass er sie umarme, vorerst in Gedanken, aber wer wisse schon, welche Form sich Gedanken suchen.
            Als die Partei die Vorwürfe gegen ihn fallenließ, stand er ohne alles da. Er ahnte noch nicht, dass ihm Verdienstorden und Nationalpreis zuteilwürden. Er saß in dem Zimmerchen, das er Atelier nannte und trug, fast ohne Vision, Farbe auf.